Am Aktienmarkt tendierten die Kurse vergangene Woche zunächst seitwärts. Dann verkündete US-Präsident Donald Trump den Ausstieg der USA aus dem Weltklimavertrag. Daraufhin zogen die Notierungen an und der Dax erklomm ein neues Rekordhoch. Hoffnungen auf eine Lockerung von Abgas-Vorschriften kamen vor allem den Aktien von Autoherstellern zugute. Demgegenüber gerieten die Papiere von Windkraftunternehmen unter Druck. Als weltweit zweitgrößter Markt in der Windindustrie sind die USA für viele europäische Unternehmen ein wichtiges Absatzgebiet.

Durchwachsene Konjunkturzahlen

Bei den zuletzt veröffentlichten konjunkturellen Frühindikatoren ist das Bild gemischt, so dass die Impulse für Aktien weniger eindeutig sind als noch vor wenigen Monaten. Während der endgültige Einkaufsmanagerindex (PMI) für das Verarbeitende Gewerbe in der Eurozone den Anstieg im Mai von 56,7 auf hohe 57,0 Punkte bestätigte und damit weiter sehr positive Signale liefert, setzte sich der Rückgang des entsprechenden Index für China (Caixin-Manufacturing-PMI) fort. Dieser fiel von 50,3 auf 49,6 Punkte und blieb damit hinter den Erwartungen zurück. Der Manufacturing-PMI von Mai für die USA zeigt einen weiteren leichten Rückgang von 52,8 auf 52,7 Zähler, womit hier der Trend ebenfalls leicht nach unten gerichtet bleibt. Günstigere Signale zeigt allerdings der ISM-Manufacturing-Index, dessen Komponente für den Auftragseingang nach einem kräftigen Rücksetzer im April wieder von 57,5 auf 59,5 Punkte stieg.

Der Einkaufsmanagerindex für die Privatwirtschaft Eurolands – Dienstleistungs- und Industriefirmen – verharrte im Mai mit 56,8 Punkten auf dem Niveau des Vormonats. Das ist immerhin der höchste Stand seit sechs Jahren. Das Barometer liegt also weiter deutlich über der Wachstumsschwelle von 50 Zählern und deutet auf ein Wirtschaftswachstum von 0,7 Prozent hin. Im ersten Quartal hatte die Eurozone um 0,5 Prozent zugelegt, fast doppelt so schnell wie die USA.

Etwas gebremst wurde die Rekordfahrt an Europas Börsen zum Ausklang der vorigen Börsenwoche durch einen unerwartet geringen Stellenzuwachs in Amerika. Unternehmen und öffentliche Hand stellten im Mai zusammen nur 138.000 neue Mitarbeiter ein, von der Nachrichtenagentur Reuters befragte Volkswirte hatten mit 185.000 gerechnet. Weil aber die Arbeitslosenquote von 4,4 Prozent im April auf ein 16-Jahres-Tief von 4,3 Prozent sank, gehen viele Börsianer davon aus, dass man sich um die größte Volkswirtschaft der Welt nach wie vor keine Sorgen machen muss.

Fed vor weiterem Zinsschritt

Vor dem Hintergrund der aktuellen Daten zum US-Arbeitsmarkt und zur Inflation wurde innerhalb der amerikanischen Notenbank Fed erneut diskutiert, mit wie vielen Zinsschritten in diesem Jahr noch zu rechnen sei. Trotz der schwächeren Mai-Zahlen ist man sich offenbar weitgehend einig, dass die Entwicklung am Jobmarkt robust verlaufe. Kopfzerbrechen bereitet einigen Währungshütern dagegen die Inflation. Zwar ist das von der Fed stark beachtete Inflationsmaß – der Preisindex des Privaten Konsums – von März bis April um 0,2 Prozent gestiegen. Die Jahresrate ging aber auf Grund eines anhaltenden Basiseffekts zurück. Das bedeutet, dass die Kerninflation aktuell bei 1,5 Prozent liegt – also noch immer ein gutes Stück unterhalb des Zielwertes der Fed von zwei Prozent.

Ungeachtet dessen bleibt ein baldiger Zinsschritt nach oben wahrscheinlich. Sollte allerdings der Inflationsdruck gering bleiben, dürften Fed-Chefin Janet Yellen und ihre Mitstreiter die aktuell präferierte Variante von noch zwei Zinsschritten in diesem Jahr überdenken. Das soll nicht heißen, dass die Diskussion zwangsläufig zu weniger Zinsanhebungen führen würde. Denn gemäß Aussagen der regionalen Fed-Präsidenten John Williams und Robert Kaplan wären sogar mehr als zwei Zinsschritte möglich, wenn der Inflationsdruck etwas höher wäre. Williams zeigte sich vor allem darüber besorgt, dass die Konjunktur überhitzen könnte, sollte der Leitzins zu langsam angehoben werden.

EZB könnte geldpolitische Wende andeuten

Spannend wird es, wenn sich diese Woche der Rat der Europäischen Zentralbank (EZB) trifft, um über den weiteren Kurs der Geldpolitik für den Euroraum zu beraten. Konkrete Ankündigungen zum Abschmelzen der Anleihenkäufe sind zwar noch nicht zu erwarten. Und am Leitzins, der auf dem Rekordtief von 0,0 Prozent liegt, wird sich mit Sicherheit auch nichts ändern. Dennoch spekulieren Beobachter darauf, dass die EZB einen vorsichtigen Schritt in Richtung geldpolitischer Wende wagen wird.
Denn erstmals seit langer Zeit dürften die Währungshüter die Risiken für das Wirtschaftswachstum als ausgeglichen beschreiben – und damit anerkennen, dass sich die Lage im Währungsraum deutlich gebessert hat. EZB-Präsident Mario Draghi würde auf diesem Weg signalisieren, dass sich die Notenbank allmählich auf einen Ausstieg aus ihrer extrem lockeren Geldpolitik vorbereitet. EZB-Watcher halten es außerdem für möglich, dass die Notenbanker ihren Ausblick leicht ändern. Bundesbank-Präsident Jens Weidmann hatte kürzlich eine Debatte im EZB-Rat darüber gefordert. Einige Ökonomen glauben, dass die EZB die Hinweise auf eine möglicherweise noch expansivere Geldpolitik teilweise aufgibt.

Bemerkungen von Ratsmitgliedern aus den vergangenen Wochen deuten ebenfalls auf eine Änderung der Risikoeinschätzung und des Ausblicks hin. Sowohl Draghi als auch EZB-Chefvolkswirt Peter Praet betonten die positive Entwicklung der Konjunktur. Weniger eindeutig äußerten sich die Ratsmitglieder im Hinblick auf die Inflation, die vor allem für die Fortdauer des QE-Programms entscheidend ist. Insbesondere für Praet entwickelt sich diese noch nicht stark genug, um über einen strafferen geldpolitischen Kurs nachzudenken.

Sowohl Draghi als auch Praet erteilten einem frühzeitigen Ausstieg aus den Anleihekäufen eine klare Absage. Das Programm laufe gut, die Nebenwirkungen seien unter Kontrolle und die Risiken eines vorzeitigen Ausstiegs zu groß. Einzig Direktoriumsmitglied Benoit Coeuré ließ verlauten, dass er eine baldige Straffung unterstütze, sobald sich die Inflation um den Zielwert bewege. Weniger zurückhaltend als seine Kollegen äußerte sich Coeuré auch zum Thema Einlagensatz. Bei gut laufender Konjunktur und einer Inflation um zwei Prozent könne die EZB den Einlagenzins früher als geplant anheben.

Sorgen dürften Draghi und Co. weiterhin machen, dass sich die Inflation trotz der anziehenden Konjunktur jüngst wieder weiter vom EZB-Ziel von knapp unter zwei Prozent entfernt hat. Die Verbraucherpreise lagen in der Eurozone im Mai nur 1,4 Prozent höher als vor einem Jahr. Die für die EZB wichtigere Kerninflation, bei der schwankungsanfällige Öl- und Lebensmittelpreise ausgeklammert sind, beträgt sogar nur 1,0 Prozent. Daher wies Draghi erst vor wenigen Tagen im Europa-Parlament darauf hin, dass ein „außergewöhnliches Ausmaß“ an geldpolitischer Hilfe nötig sei, damit sich die Teuerung dem Notenbank-Ziel annähere.

Aktienmärkte ungewöhnlich stabil

Von Seiten der EZB sind vorerst also keine wirklich dämpfenden Einflüsse auf die Aktienmärkte zu erwarten. Diese sind im laufenden Jahr nicht nur von Rekord zu Rekord geeilt, sondern haben sich dabei auch relativ stabil entwickelt. Das heißt: Wer 2017 den DAX oder den S&P 500 zum Jahreshoch gekauft hätte, hätte bis heute keinen größeren Kursverlust als drei Prozent erlitten – weiter bergab ging es zu keiner Zeit.
Das ist bemerkenswert, da eine Untersuchung der DZ Bank zeigt, dass der deutsche Leitindex seit 1975 unterjährig vom lokalen Hoch zum nächsten Tiefpunkt im Durchschnitt um 18 Prozent korrigierte (Euro Stoxx 50 19 Prozent, S&P 500 14 Prozent); in 13 der vergangenen 43 Jahre sogar um mehr als 20 Prozent. Der S&P korrigierte nur fünfmal um mehr als 20 Prozent und 13-mal um zehn bis 20 Prozent.
Diese Zahlen belegen, dass das Anlagejahr 2017 bislang überaus ruhig verläuft. Darauf deuten seit einigen Wochen auch die rekordniedrigen Volatilitätsniveaus diesseits und jenseits des Atlantiks hin – übrigens auch bei anderen Assetklassen als Aktien.
Anleger sollten sich nach Ansicht der Analysten der DZ Bank aber keinesfalls von der niedrigen Schwankungsbreite der Kurse einnebeln lassen. Die Einordnung in den historischen Kontext zeige, wie oft Korrekturen am Aktienmarkt eigentlich stattfänden und dass die aktuelle Entwicklung keinesfalls repräsentativ sei. Die Aktienmärkte seien auch 2017 gegen einen raschen Marktstimmungswechsel nicht immun.

DZ Bank-Chefvolkswirt Stefan Bielmeier warnt davor, Aktien erst während einer Korrektur zu verkaufen: „Aktieninvestments haben, ungeachtet der temporären Korrekturen, in der überwiegenden Anzahl der vergangenen Jahre positive Erträge geliefert. Im Durchschnitt ging es seit 1975 deutlich bergauf: Der DAX stieg seither um durchschnittlich 7,8 Prozent, der S&P 500 um 8,2 Prozent. Aktien während einer scharfen Korrektur zu verkaufen, bedeutet nichts anderes, als dass Kursverluste realisiert werden und die Chance auf neue Erträge eingebüßt wird. Studien belegen, dass Anleger keine Chance haben, annähernd den durchschnittlichen langfristigen Ertrag eines Aktienindex nachzubilden, wenn sie die historisch besten zehn oder 20 Tage verpassen.“
Bei Korrekturen sei jedoch zu unterscheiden zwischen den „normalen“, meist ausschließlich stimmungsgetriebenen Korrekturen, und den „begründeten“ Korrekturen (z.B. Anzeichen einer Rezession, Platzen einer Blase). Bei letztgenannten macht ein Verkauf während einer Korrektur durchaus noch Sinn, weil diese dann erfahrungsgemäß überdurchschnittlich ausfielen. Nichtsdestotrotz sei diese Unterscheidung meist nur in einer Idealwelt, d.h. vielfach erst im Nachhinein, möglich.

Bielmeier: „Wenngleich es also zunächst der menschlichen Intuition widerspricht, sollten Anleger keine Angst vor einer Korrektur haben und in Panik verfallen. Korrekturen sind vielfach der beste Zeitpunkt, Aktien nachzukaufen. Schließlich bieten diese auf lange Sicht den besten Schutz gegen einen drohenden Kaufkraftverlust, was in einem durch Normalinflation und Nullzins gekennzeichneten Umfeld ein wichtiges Argument darstellt.“

Was die neue Woche bringt

Diese Woche steht die Juni-Sitzung der EZB (Do.) im Fokus. Konjunkturell stehen „harte“ Daten aus Deutschland für April zur Veröffentlichung an. Die euphorischen Stimmungsindikatoren, wie das ifo-Geschäftsklima oder die Einkaufsmanagerindizes, signalisieren seit Monaten einen starken Anstieg der Industrieproduktion, der Auftragseingänge und der Außenhandelsdaten. Auch im April dürften diese Hoffnungen aber nicht ganz erfüllt werden. Die Industrieproduktion sollte nach dem Minus im März im April nur moderat zugelegt haben (Do.). Dies signalisieren die schwächeren Zahlen der Automobilproduktion. Zudem war die Anzahl an Arbeitstagen im April durch das späte Osterfest außergewöhnlich niedrig. Der Auftragseingang dürfte im April seine starke Dynamik der Vormonate nicht gehalten und nur leicht zum Vormonat zugelegt haben (Mi.). So sind die Aufträge im Maschinenbausektor zuletzt etwas rückläufig gewesen und auch beim Flugzeugbau fielen die Bestellungen nur gemäßigt aus. Die deutschen Warenexporte dürften im April sogar zurückgegangen sein (Fr.). Das deuten verschiedene Indikatoren für Exportaufträge aus dem Ausland an.
Die Schwäche dürfte allerdings nur vorübergehender Natur sein. Denn die deutschen Firmen berichten in Umfragen von positiven Absatzaussichten im Ausland. Auch die Wareneinfuhren dürften im April ein Minus ausweisen. Insgesamt sollten die „harten“ April-Daten damit zeigen, dass die deutsche Konjunktur zwar solide in das zweite Quartal gestartet ist. Die sehr hohen Niveaus der Stimmungsindikatoren scheinen aber übertrieben, so dass diese Lücke in den kommenden Monaten geschlossen werden sollte. Nach der überraschend deutlichen Aufwärtsrevision des BIP-Ergebnisses in Italien für das erste Quartal dürfte auch das Ergebnis für Euroland leicht angehoben werden (Mi.).
In den USA dürfte der Auftragseingang in der Industrie im April zurückgegangen sein und damit nicht dem allgemeinen Stimmungshoch der Unternehmen gefolgt sein (Mo.). Hierfür sprechen die bereits veröffentlichten Daten zum Auftragseingang langlebiger Güter, die im April spürbar rückläufig waren.

Politisch liegt das Augenmerk diese Woche auf der Parlamentswahl in Großbritannien (Do.). Bei der Ausrufung der Neuwahlen durch Premierministerin Theresa May im April zeichnete sich ein Erdrutschsieg der Konservativen ab. Die aktuellen Umfragen zeigen zwar weiter einen Sieg der Tories an. Allerdings ist das Risiko gestiegen, dass die Konservativen ihre Mehrheit (derzeit 17 Sitze) kaum ausbauen können. Eine aktuelle Studie sagt sogar einen Verlust der Mehrheit für die Tories voraus. Ein damit verbundenes „hung parliament“ wäre zweifellos der Wahlausgang, der zur größten Verunsicherung an den britischen Märkten führen würde.

 

Die wichtigsten Konjunkturdaten der neuen Woche

 MonatPrognoseLetzter
Montag, 5.6.2017
PMI Dienstleist. Deutschland (Punkte), endgült.Mai55.255.2
PMI Dienstleist. Euroland (Punkte), endgült.Mai56.256.2
ISM-Index Dienstleist. USA (Punkte)Mai5757.5
Auftragseingang USA (% zum Vormonat)April-0.20.5
Dienstag, 6.6.2017
Einzelhandelsumsatz Euroland (% zum Vormon.)April00.3
Mittwoch, 7.6.2017
Auftragseingang Deutschland (% zum Vormonat)April01
BIP Euroland (% zum Vorquartal), 3. Veröff.Q10.60.5
Donnerstag, 8.6.2017
BIP Japan (% zum Vorquartal), endgültigQ10.60.5
Exporte China (% zum Vorjahr)Mai78
Importe China (% zum Vorjahr)Mai911.9
Industrieproduktion Deutschland (% zum Vormon.)April0.5-0.4
EZB Zinsentscheid Euroland (%)Juni00
Freitag, 9.6.2017
Verbraucherpreise China (% zum Vorjahr)Mai1.51.2
Exporte Deutschland (% zum Vormonat)April0.40.4
Importe Deutschland (% zum Vormonat)April-0.42.5