Haben in den vergangenen Wochen vor allem die Stärke des Euro und die Dieselkrise der Börse zugesetzt, kam zuletzt auch noch die geopolitische Krise zwischen Nordkorea und den USA hinzu. Der „Krieg der Worte“ zwischen den beiden Ländern hat aber nicht nur die Notierungen hier zu Lande auf Talfahrt geschickt, sondern die Aktienmärkte weltweit. Deren Börsenwert schrumpfte gemäß Berechnungen der Nachrichtenagentur Reuters binnen weniger Tage um insgesamt rund eine Billion Dollar.
US-Präsident Donald Trump hatte Nordkorea für den Fall weiterer Provokationen mit „Feuer und Zorn“ gedroht, wie es die Welt noch nie erlebt habe. Der dortige Machthaber Kim Jong Un konterte mit dem Verweis auf einen möglichen Präventivschlag gegen den amerikanischen Militärstützpunkt auf der Pazifikinsel Guam. Vor diesem Hintergrund stießen vergangene Woche viele Investoren Aktien ab und erwarben stattdessen vermeintlich sichere Anlagen wie Bundesanleihen, Gold oder den Schweizer Franken.
Im Windschatten des steigenden Goldpreises legten Aktien von Edelmetall-Förderern zu. Demgegenüber gehörten Finanzwerte wie Deutsche Bank, die französische Societe Generale oder die spanische BBVA zu den größten Verlierern. Denn Anleger spekulieren darauf, dass die Nordkorea-Krise die erwarteten Zinserhöhungen der US-Notenbank Fed verzögern könnte.

Schwächelt Chinas Wirtschaft?

Für Irritationen sorgte jüngst aber nicht nur der verbale Schlagabtausch zwischen Trump und Un, sondern auch chinesische Konjunkturdaten. So ist die Industrieproduktion der zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt im Juli weniger stark gewachsen als von Volkswirten vorausgesagt. Nach offiziellen Angaben stellten die Unternehmen im Reich der Mitte 6,4 Prozent mehr her als vor Jahresfrist. Analysten hatten mit einem Zuwachs von 7,2 Prozent gerechnet. Im Juni lag die Zunahme bei 7,6 Prozent.
Zudem schwankt die für China wichtige Exportstimmung stark und das Exportwachstum gab zuletzt nach. Von einer spürbaren Exporteintrübung geht man in China trotzdem nicht aus. Denn zum einen hat sich die Weltkonjunktur stabilisiert, zum anderen haben die Drohungen der Amerikaner in Sachen Handelsbarrieren an Schrecken verloren, da diese in den USA selbst von der republikanischen Partei kritisch gesehen werden.
Im Übrigen betreibt China eine ähnlich lockere Geldpolitik wie die großen Industrieländer USA, Japan und die Eurozone. Mit der Geldschwemme will Peking Probleme entschärfen, die aus der Entwicklung vom Schwellen- zum Industrieland, dem überhitzten Immobilienmarkt, der Überschuldung von Unternehmen und dem Berg fauler Kredite bei den Banken resultieren. Betrachtet man den ökonomischen Überraschungsindex der Citigroup für China, der Abweichungen der veröffentlichten Konjunkturdaten von den Prognosen misst, ist durchaus eine Stabilisierung zu konstatieren.

Gedämpfte US-Inflation macht weitere Zinsanhebung unwahrscheinlicher

Relativ stabil entwickeln sich auch die Verbraucherpreise in den USA, die letzte Woche von den Anlegern aufmerksam registriert wurden. Die US-Lebenshaltungskosten sind im Juli gegenüber dem Vormonat lediglich geringfügig gestiegen und enttäuschten damit die Markterwartungen auf einen stärkeren Inflationsdruck. Gegenüber dem Vorjahr hat die Inflationsrate ebenfalls nur minimal auf 1,7 Prozent zugelegt. Im Durchschnitt der vergangenen fünf Monate stagnierten die US-Verbraucherpreise. Damit hat die Wahrscheinlichkeit für einen weiteren Zinsschritt der Fed im laufenden Jahr weiter abgenommen.

In der Diskussion zu den Ursachen der aktuellen Inflationsschwäche sagte St. Louis Fed-Präsident James Bullard vergangene Woche, er gehe davon aus, dass die Inflationsrate längerfristig niedrig bleibe. Grund dafür sei der technische Fortschritt, der die Güterpreise weiter unter Druck halten werde. Bullard will deshalb den Leitzins auf kurze Sicht unverändert lassen. Ähnlich sieht das Chicago Fed-Präsident Charles Evans. Er unterstellt, dass die Inflation die Fed nicht vom Beginn des Bilanzabbaus im September abhalten werde und möchte eine Zinserhöhung im Dezember nicht ausschließen. Evans ist sich nicht sicher, ob die Inflation auf Grund technologischer Änderungen niedrig bleiben wird oder ob die gute Arbeitsmarktlage nicht zu höheren Lohnforderungen und damit letztlich eine stärkere Inflation führen wird. New York Fed- Präsident William Dudley hält einen weiteren Zinsschritt in diesem Jahr für geboten, zumal der schwächere Dollar die Importe und den Jobmarkt ankurbele und damit der Inflationsschwäche entgegenwirke.

Was die Geldpolitik für die Eurozone betrifft, gab es in der abgelaufenen Woche keine bedeutsamen Äußerungen von Ratsmitgliedern der Europäischen Zentralbank (EZB). Allerdings brachte der spanische Ministerpräsident Mariano Rajoy das Thema der europäischen Integration in Richtung eines gemeinsamen EU-Budgets mit europäischem Finanzminister, die Möglichkeit von Eurobonds und einer intensiveren Zusammenarbeit im Bereich der Verteidigung wieder stärker auf die Agenda. Gerüchten, dass Deutschland für Zugeständnisse in Richtung einer stärkeren Vergemeinschaftung im Gegenzug bei der Besetzung der Nachfolge Mario Draghis als EZB-Präsident im Oktober 2019 zum Zuge kommen soll, erteilte der französische Finanzminister Bruno Le Maire jedoch eine Absage. Beschlüsse in Richtung einer stärkeren Gemeinschaft müssten schon deutlich früher angegangen werden als die Beratungen über die Nachfolge von Draghi an der Spitze der EZB. Eine EZB unter dem Vorsitz von Jens Weidmann bei gleichzeitiger Erhöhung des gemeinsamen Budgets spräche für eine Verschiebung der Wachstumsimpulse von der Geldpolitik hin zu mehr finanzpolitischen Maßnahmen.

Was die neue Woche bringt

Diese Woche steht im Euroraum die Veröffentlichung der BIP-Wachstumsraten für die Länder der Währungsunion an. Für die Eurozone insgesamt dürfte dabei die vorab gemeldete Quartals-Wachstumsrate von 0,6 Prozent bestätigt werden (Mi). Es ist davon auszugehen, dass auch die deutsche Wirtschaft im zweiten Vierteljahr ein vergleichbares Konjunkturtempo erreicht hat (Di.). Darüber hinaus steht die Industrieproduktion im Euroraum für Juni zur Veröffentlichung an (Mo.). Sie sollte mit Blick auf die rückläufige Produktion in Deutschland und Frankreich gesunken sein. Eine generelle Schwäche der Produktion lässt sich daraus aber nicht ableiten. Dynamische Aufwärtstendenzen zeichnen sich allerdings gleichfalls kaum ab, zumal die ersten Stimmungsindikatoren im Juli nachgegeben haben.

Das Protokoll der EZB-Ratssitzung vom Juni (Do.) könnte Aufschluss darüber geben, ob der Schwenk in der Kommunikationsstrategie der EZB zur Relativierung des Inflationsziels und zur Fokussierung auf die Konjunktur von allen Ratsmitgliedern mitgetragen wird.
In den USA werden die ersten „harten“ Konjunkturdaten für das dritte Quartal bekannt gegeben. Sie sollten insgesamt positiv ausgefallen sein. So dürfte die Industrieproduktion im Juli, angetrieben von einer robusten Nachfrageentwicklung im Verarbeitenden Gewerbe und einer stärkeren Aktivität der Fracking-Industrie, erneut dynamisch gewachsen sein (Do.). Der Einzelhandel sollte zum Sommeranfang nach zwei Umsatzrückgängen in Folge ebenfalls zu neuem Schwung gefunden haben (Di.). Die PKW-Verkäufe werden dabei wohl ein kleines Plus vorweisen, das die Gesamtumsätze jedoch kaum angehoben haben dürfte.

Am US-Häusermarkt lief es im Juli ebenfalls gut. So sollten die Wohnungsbaubeginne mit Blick auf die aktuell erhöhten Zahlen zu Baugenehmigungen nach oben gegangen sein (Mi.). Bei den zur Veröffentlichung anstehenden Frühindikatoren dürfte der Philadelphia Fed-Index infolge weiter ausstehender Fortschritte zur geplanten Steuerreform zwar etwas gesunken sein (Do.). Mit einem Stand von 17 Punkten spräche er aber nach wie vor für eine Ausweitung der Wirtschaftsaktivitäten an der US-Ostküste.
Bei der US-Geldpolitik interessiert die Anleger in erster Linie die Veröffentlichung des Protokolls der Fed-Sitzung im Juli (Mi.). Hier dürfte nochmals auf den baldigen Beginn der Bilanzreduzierung, wohl auf der September-Sitzung der Fed (20.9.), hingewiesen werden. Außerdem dürfte klarer werden, wie groß die Gruppe der Notenbanker im geldpolitischen Rat (FOMC) ist, die eine strukturelle Inflationsschwäche sieht und sich damit gegen weitere Zinsschritte auf den kommenden Sitzungen aussprechen könnte.

Mit Spannung werden die Börsianer in der neuen Woche darauf achten, ob es im Nordkorea-Streit beim kalten Krieg der Worte bleibt oder ob eine Eskalation zu befürchten ist. Immerhin ist Nordkorea inzwischen in der Lage, nuklear bestückte Raketen einzusetzen. US-Präsident Trump hat sich längst als unberechenbar erwiesen. Doch mit Kim Jong Un steht ihm jemand gegenüber, der offenbar ähnlich strukturiert ist wie er. Wird er provoziert, hält er mit ähnlich starken Worten dagegen. So war die Androhung möglicher Raketenangriffe auf den US-Stützpunkt Guam die Antwort auf Trumps „Feuer und Wut“-Rede. Die Auseinandersetzung auf der rhetorischen Ebene ist allerdings weder für Trump noch für Kim Jong Un zu gewinnen.

Eine militärische Lösung des Konflikts muss unter allen Umständen verhindert werden. Es wäre unverantwortlich, aus Gründen verletzter Eitelkeit oder um von innenpolitischen Problemen abzulenken eine Katastrophe heraufzubeschwören. Der Konflikt hat eine neue Dimension erreicht, weil fraglich ist, ob China, Nordkoreas wichtigster Verbündeter, Un zum Umdenken bewegen kann. Pekings Regierung muss ein gesteigertes Interesse an einer Deeskalation haben, weil es wegen seiner geostrategischen Lage am meisten zu verlieren hat. Ein Zusammenbruch des nordkoreanischen Regimes mit darauf folgender Flüchtlingskrise könnte den sozialen Frieden in China bedrohen. Und: Nordkorea ist ein wichtiger strategischer Puffer, denn solange Nordkorea existiert, stehen keine amerikanischen Soldaten direkt an der chinesischen Grenze. Bislang sind sie in Südkorea stationiert.

 

Die wichtigsten Konjunkturdaten der neuen Woche

 MonatPrognoseLetzter
Montag, 14.8.2017
BIP Japan (% zum Vorquartal)Q20.60.3
Industrieproduktion China (% zum Vorjahr)Juli7.17.6
Industrieproduktion Euroland (% zum Vorm.)Juni-0.41.3
Dienstag, 15.8.2017
BIP Deutschland (% zum Vorquartal)Q20.70.6
Einzelhandelsumsatz USA (% zum Vormonat)Juli0.4-0.2
Empire State-Index USA (Punkte)August109.8
NAHB Wohnungsmarkt-Index USA August6564
Mittwoch, 16.8.2017
BIP Euroland (% zum Vorquartal)Q20.60.6
Wohnungsbaubeginne USA (Tsd.)Juli12251215
Donnerstag, 17.8.2017
Philly Fed-Index USA (Punkte)August1919.5
Industrieproduktion USA (% zum Vormonat)Juli0.30.4
Freitag, 18.8.2017
Erzeugerpreise Deutschland (% zum Vorjahr)Juli2.22.4
Uni Michigan Konsumentenvertrauen (Punkte)August9493.4