Es war einmal mehr die Politik, die Europas Börsianer vergangene Woche in Atem gehalten hat. Für Gesprächsstoff sorgte vor allem die Kritik von US-Präsident Donald Trump am deutschen Handelsbilanzüberschuss. Sie führte zu Kursverlusten bei Autowerten, was auch den Dax insgesamt belastete. Die US-Börsen legten nach ihrer jüngsten Rekordjagd gleichfalls eine Verschnaufpause ein. Ängste, dass sich die politische Situation in den USA und in Korea nach den fortgesetzten Raketentests Nordkoreas zuspitzen könnte, verunsicherten die Anleger zusätzlich.
Im Moment halten sich viele Investoren lieber zurück als aktiv zu werden, kommentierten Aktienhändler die aktuelle Lage. Bankenwerte standen zuletzt ebenfalls auf den Verkaufszetteln. In der Russland-Affäre des US-Präsidenten fordern mehrere Abgeordnete im US-Repräsentantenhaus von der Deutschen Bank Aufklärung. Hinzu kommt die weiter schwelende Bankenkrise in Italien.

US-Wachstumsschwäche oder Verschnaufpause?

Die Stimmung der Anleger wurde letzte Woche aber nicht nur von politischer Seite gedämpft, sondern auch von ernüchternden Wirtschaftsdaten aus den USA. Zwar legte das Bruttoinlandsprodukt (BIP) in der größten Volkswirtschaft der Welt im ersten Quartal mit einer auf das Jahr hochgerechneten Rate von 1,2 Prozent etwas stärker zu als ursprünglich geschätzt. Im Schlussvierteljahr 2016 hatte die US-Wirtschaftsleistung jedoch noch um 2,1 Prozent expandiert. Seit Amtsantritt Trumps ging es konjunkturell so langsam nach oben wie seit einem Jahr nicht mehr.
Amerikas Wirtschaft hängt traditionell primär von den Verbrauchern ab. Schließlich steht der Konsum für mehr als zwei Drittel der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage des Landes. Anfang 2017 gaben die US-Bürger nur 0,6 Prozent mehr aus als im vierten Quartal. Das ist der niedrigste Zuwachs seit Ende 2009. Der Staat senkte seine Ausgaben um 1,1 Prozent. Impulse kamen hingegen vom Export und von den Investitionen.
Vor dem Hintergrund der mauen Wachstumszahlen dürfte der US-Präsident weiter danach streben, die Konjunktur anzukurbeln. Er hatte im Wahlkampf Wachstumsraten von vier Prozent in Aussicht gestellt und großspurig angekündigt, den Arbeitsmarkt zu fördern. Mit einer radikalen Steuerreform möchte er die Wirtschaft entlasten. Ziel ist es, die Unternehmenssteuern von 35 Prozent auf 15 Prozent zu senken. Das Vorhaben soll sich selbst tragen und muss nach Aussagen von Regierungsvertretern nicht gegenfinanziert werden. Volkswirte hegen Zweifel, dass dieses Kalkül aufgeht.
Klar ist, dass die USA in Sachen Wachstumsdynamik derzeit hinter der Eurozone und insbesondere Deutschland zurückbleiben. Denn nach vergleichbarer Rechnung legte die US-Wirtschaft zum Vorquartal mit 0,3 Prozent nur halb so stark zu wie die deutsche Wirtschaft. Allerdings meinte der Chefvolkswirt des Internationalen Währungsfonds (IWF), Maurice Obstfeld, dass die Schwäche im ersten Quartal nur vorübergehend sei.

Fed wird wohl im Juni Leitzins erhöhen

Bei der US-Notenbank Fed sieht man das offenbar ähnlich. Deshalb dürfte sie trotz des schwachen Jahresauftakts im Juni ihre Zinsen zum zweiten Mal in diesem Jahr anheben. Schon im März hatte die Fed die geldpolitischen Zügel gestrafft und den Leitzins auf die aktuelle Spanne von 0,75 bis 1,0 Prozent erhöht. Für das laufende Jahr fassen die Währungshüter um Fed-Chefin Janet Yellen zwei weitere Erhöhungen ins Auge.
Darüber hinaus sollte die Fed laut der Chefin des Notenbank-Bezirks von Cleveland, Loretta Mester, noch 2017 den Abbau der in der Finanzkrise aufgeblähten Bilanz einleiten und auslaufende Wertpapiere nicht mehr ersetzen. Dies müsse jedoch rechtzeitig kommuniziert werden, sagte Mester. Über den Umfang des Abbaus gebe es noch keinen Beschluss. Die Bilanzsumme liege derzeit bei 4,5 Billionen Dollar. Sie werde aber am Ende sicherlich höher sein als vor der Finanzkrise, weil heute die Nachfrage nach US-Dollar höher sei. Vor Ausbruch der weltweiten Finanzkrise im Jahr 2007 lag die Bilanzsumme der US-Notenbank noch bei 800 Milliarden Dollar. Durch den massiven Erwerb von Staatsanleihen und anderen Wertpapieren zur Stützung der Konjunktur wurde sie danach massiv aufgebläht.

Draghi sieht derzeit keinen Handlungsbedarf

Keinen Grund für Änderungen am geldpolitischen Ausblick der Europäischen Zentralbank (EZB) sieht derzeit deren Präsident Mario Draghi. Das machte er auf einer Veranstaltung in Madrid deutlich. Laut Redetext sagte er, die EZB komme bei der Bewertung negativer Folgen ihrer Geldpolitik zu keiner neuen Einschätzung. Draghi hatte zuletzt wiederholt bekräftigt, dass die Schlüsselzinsen der Notenbank weit über die Zeit der Anleihenkäufe hinaus auf dem aktuell niedrigen Niveau oder sogar noch darunter liegen dürften.
„Die Nebenwirkungen sind begrenzt geblieben, aber wir berücksichtigten sie in der Formulierung unserer Geldpolitik“, sagte der EZB-Chef. Zugleich bestätigte er seine Vorstellungen darüber, in welcher Reihenfolge die Notenbank künftig ihre geldpolitischen Maßnahmen zurückdrehen werde. Bislang ist vorgesehen, dass zunächst die Anleihenkäufe der Notenbank gestoppt sein müssen, bevor Zinserhöhungen infrage kommen. EZB-Direktor Benoit Coeure hatte diese Reihenfolge unlängst in einem Interview infrage gestellt. Dies sei nicht in Stein gemeißelt, hatte er gesagt.

Opec verlängert Förderbremse

Die künftigen Maßnahmen der EZB dürften in erheblichem Maße davon abhängen, wie es mit der Inflation in der Eurozone weitergeht. Für deren Entwicklung kommt es nicht zuletzt auf die Entwicklung des Ölpreises an. Schließlich ist Rohöl noch immer der mit Abstand wichtigste Rohstoff, mit erheblichem Einfluss auf die Preissteigerungsraten der Industrieländer. In diesem Zusammenhang hat an den Märkten aufhorchen lassen, dass sich die Mitglieder der Opec letzte Woche auf eine Verlängerung der Förderkürzungen für neun Monate verständigt haben.
Auch andere Ölförderstaaten, allen voran Russland, werden voraussichtlich bis März 2018 täglich 1,8 Millionen Fässer (je 159 Liter) weniger Öl pumpen als im vergangenen Jahr. Das entspricht zwei Prozent der weltweiten Produktion. Anleger reagierten allerdings etwas enttäuscht, da einige mit einer einjährigen Verlängerung gerechnet hatten. Somit gaben die Preise nach, behaupteten sich aber über der psychologisch wichtigen 50-Dollar-Marke.

Im Vorfeld hatten sich das führende Opec-Land Saudi-Arabien und Russland als wichtigstes Öl-Land außerhalb des Förderkartells bereits auf eine neunmonatige Verlängerung verständigt. Doch war an den Märkten spekuliert worden, die Verlängerung könnte großzügiger sowie die Kürzung deutlicher ausfallen.
Nach saudi-arabischen Angaben werden Libyen und Nigeria sich an der Förderbremse nicht beteiligen, da in beiden Ländern wegen der andauernden Unruhen ohnehin weniger Öl gefördert wird. Zudem will das Land seine Exporte ab Juni senken und somit ebenfalls zu einem Angebotsrückgang auf dem Weltmarkt beitragen.

Die Opec und ihre Partner hatten sich Ende November 2016 auf eine sechsmonatige Förderbremse ab Januar geeinigt und damit die Preise wieder über 50 Dollar je Fass getrieben. Anfang 2016 war der Preis für ein Fass Öl erstmals seit 2003 unter 30 Dollar gefallen. Noch im Sommer 2014 hatte er bei 115 Dollar gelegen. Dieser Preissturz hat den Förder-Ländern Haushaltslöcher gerissen, die sie auf Dauer nicht tragen wollten. Eine Folge der Stabilisierung der Preise bei nunmehr rund 50 Dollar ist allerdings die wieder höhere Attraktivität der ursprünglich kostspieligeren US-Schieferölproduktion (Fracking).

Die US-Firmen haben inzwischen technische Fortschritte gemacht und können daher kostengünstiger Öl mit Fracking fördern. Seit Mitte 2016 ist die US-Ölförderung um mehr als zehn Prozent gestiegen auf über 9,3 Millionen Fässer täglich. Damit fürdern die USA ähnlich viel wie Saudi-Arabien und Russland.

Was die neue Woche bringt

In der Eurozone werden in dieser Woche die Mai-Inflationsdaten wieder ein unverfälschtes Bild des Preisauftriebs liefern, nachdem die Daten im März und April stark unter dem Einfluss des späten Osterfestes standen. Zum Vormonat etwas rückläufige Preise dürften dazu führen, dass die Inflationsrate für Deutschland wieder auf 1,6 Prozent gesunken ist (Di.). In Frankreich und Italien (Mi.) dürften die Inflationsraten ebenfalls etwas nachgeben, weshalb auch für den Euroraum ein Rückgang zu erwarten ist (Mi.).

Dies dürfte der EZB die Argumentation für ihre expansive Geldpolitik wieder etwas erleichtern. Konjunkturseitig dürfte der Economic Sentiment Indikator der EU-Kommission nach den sehr positiven Vorgaben des ifo-Geschäftsklimas und der guten Entwicklung des französischen Geschäftsklimas deutlich zugelegt haben (Di.). Dabei bleibt die Industrie der treibende Faktor hinter den guten Konjunkturerwartungen. Die April-Daten zur Geldmengen- und Kreditdynamik im Euro-Raum sollten den moderat positiven Trend der vergangenen Monate bestätigen (Mo.).
In Deutschland stehen neben den Verbraucherpreisen vor allem die Arbeitsmarktzahlen für Mai im Fokus (Mi.). Hier dürfte eine erneut spürbar gesunkene Arbeitslosigkeit zeigen, dass die Unternehmen optimistisch in die Zukunft blicken und ihren Beschäftigungsaufbau fortsetzen.

In den USA steht diese Woche der Datentest für die Fed an. Für den Arbeitsmarkt wie auch die Inflation werden die letzten Zahlen vor der Juni-Sitzung veröffentlicht, bei der es einen weiteren Zinsschritt geben dürfte. Der Stellenaufbau dürfte auch im Mai robust ausgefallen sein (Fr.). Die Arbeitslosenquote wird wohl auf ihrem niedrigen Niveau verharren.
Auf Seiten der Inflation dürfte der Preisindex des Privaten Konsums im April nach einem Rückgang im Vormonat wieder leicht gestiegen sein. Die jährliche Inflation und Kerninflation (ohne Energie und Nahrungsmittel) werden auf Grund eines Basiseffekts dennoch leicht gesunken sein. Dies dürfte die Fed aber nicht negativ überraschen und nicht von einem Zinsschritt abhalten. Der konjunkturelle Ausblick für Mai sollte gemessen am ISM-Frühindikator für das Verarbeitende Gewerbe positiv ausfallen (Do.). Nachdem der Indikator im April spürbar gesunken war, dürfte er mit Blick auf den stark ausgefallenen Frühindikator der Philadelphia-Fed wieder etwas zugelegt haben.

Politisch geht der Blick diese Woche hin zum Besuch des chinesischen Ministerpräsidenten Li in Berlin und Brüssel. Li trifft Kanzlerin Merkel (ab Di.) wie auch EU-Kommissions-präsident Juncker sowie EU-Ratspräsident Tusk (Do.). Hauptthema dürfte die Handelspolitik und der Umgang mit der neuen US-Regierung sein.

Die wichtigsten Konjunkturdaten der neuen Woche

 MonatPrognoseLetzter
Montag, 29.5.2017
Geldmenge M3 Euroland (% zum Vorjahr)April5.25.3
Dienstag, 30.5.2017
Industrievertrauen Euroland (Punkte)Mai3.12.6
Verbrauchervertrauen Euroland (Punkte)Mai-3.3-3.3
Verbraucherpreise Deutschland (% zum Vorj.)Mai1.62
Private Einkommen USA (% zum Vormonat)April0.40.2
Konsumausgaben USA (% zum Vormonat)April0.40
PCE-Deflator USA (% zum Vorjahr)April1.71.8
PCE-Kernrate USA (% zum Vorjahr)April1.51.6
Conference Board Verbrauchervertr. USA (Punkte)Mai119.9120.3
Mittwoch, 31.5.2017
Industrieproduktion Japan (% zum Vormonat)April4.3-1.9
PMI Verarb. Gewerbe China (Punkte)Mai5151.2
Arbeitslosenrate Deutschland (%)Mai5.85.8
Verbraucherpreise Euroland (% zum Vorjahr)Mai1.51.9
Verbraucherpreise Kernrate Euroland (% zum Vorj.)Mai11.2
Donnerstag, 1.6.2017
PMI Verarb. Gewerbe Deutschland (Punkte)Mai59.459.4
PMI Verarb. Gewerbe Euroland (Punkte)Mai5757
ISM-Index Verarb. Gewerbe USA (Punkte)Mai54.654.8
Freitag, 2.6.2017
Einzelhandelsumsatz Deutschland (% zum Vorm.)April-0.20.1
Beschäftigung USA (Tsd. zum Vormonat)Mai176211
Arbeitslosenrate USA (%)Mai4.44.4
Handelsbilanz USA (Mrd. US-$)April-44-43.7