Ein Leben ohne eigenes Auto – für viele undenkbar. Doch das Auto ist längst nicht mehr für alle ein Statussymbol. Und auch nicht jeder braucht mehr eins. Vielerorts ergänzen Casharing-Angebote den öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) und sind zur attraktiven Alternative zum eigenen Auto geworden. Für wen es sich lohnt, rechnet verbraucherblick vor.

Das Auto teilen – das bedeutet Carsharing wörtlich übersetzt. Carsharing ist längst aus der Nische raus und ein Geschäftsmodell, das eher an das Prinzip Mietwagen erinnert. Nicht der Privatmann teilt seinen Wagen, sondern Unternehmen wie DriveNow, Car2go, Flinkster und Cambio stellen ihren Mitgliedern verschiedene Fahrzeuge für fast jeden Zweck zur Verfügung. Laut dem Bundesverband Carsharing (BCS) konkurrieren inzwischen rund 150 Anbieter in über 540 Städten. Bereits 1,3 Millionen Menschen haben sich in Deutschland bei einem solchen Anbieter angemeldet. „Carsharing ist in den letzten Jahren rasant gewachsen“, sagt Willi Loose, BSC-Geschäftsführer. Ein Ende des Wachstums sei noch nicht in Sicht.

Größter Anbieter ist nach Mitgliederzahlen das Unternehmen DriveNow, hinter dem der bayerische Autohersteller BMW und der Autovermieter Sixt stecken. Dicht gefolgt von Car2Go – ein Angebot des Daimler-Konzerns. Drittgrößter Anbieter ist Flinkster, hinter dem die Deutsche Bahn steht.

Kommerzielles Carsharing
Die Anbieter haben einen Fuhrpark aus einer bestimmten Anzahl an Fahrzeugen, die sie an einem Ort zur Verfügung stellen. Kunden können sich registrieren lassen und haben dann Zugriff auf diese Fahrzeuge aus dem Auto-Pool. Meist gibt es sogar noch die Wahl zwischen Kleinwagen, Familienkutsche oder Transporter. Es gibt zwei Systeme: einmal die stationsbasierte Variante oder das stationsunabhängige Carsharing (Free-floating).

Stadt und Land
Die höchste Dichte an Carsharing-Fahrzeugen hat laut BCS Karlsruhe mit 2,15 je 1000 Einwohner. Gefolgt von Stuttgart und Frankfurt am Main mit 1,21 Stück. Berlin beispielsweise belegt mit 0,85 Fahrzeugen je 1000 Einwohner nur den 11. Platz. Dabei hat Carsharing das Potenzial, Städte und Gemeinden lebenswerter zu gestalten. Denn in innenstadtnahen Quartieren besitzen fast 80 Prozent der Carsharing-Kunden kein eigenes Auto mehr. Zudem ersetzt dem BSC  zufolge ein Carsharing-Fahrzeug bis zu 20 private PKW und macht so umgerechnet bis zu 99 Meter zugeparkte Straßenkante frei.

Carsharing im Alltag
Wer kein Auto hat, vermisst es spätestens dann, wenn mal so richtig geschleppt werden muss. Martin Reinhardt aus Wiesbaden etwa hatte bisher kein eigenes Auto. Wenn er Getränke kaufen wollte, war er an solchen Tagen immer aufgeschmissen. Inzwischen nutzt er kommerzielles Carsharing, um die Kisten nach Hause zu transportieren.

Für Einkäufe bucht er sich regelmäßig einen Kombi. Den reserviert Reinhardt online und holt ihn an einer Station in der Nähe seiner Wohnung ab. Mit seiner Kundenkarte öffnet er den reservierten Wagen und nimmt den Autoschlüssel aus dem Handschuhfach.
Nachdem er seine Einkäufe nach Hause gebracht hat, muss er den Wagen an derselben Station wieder abstellen. Dieses stationsbasierte Carsharing-Modell ist momentan in Deutschland am weitesten verbreitet.

Zwei Systeme
Stationsbasiertes Charsharing lohnt sich für planbare Fahrten mit demselben Hin- und Rückweg. Kunden müssen den Wagen vorher reservieren. Es sollte eine Station fußläufig vorhanden sein. Typische Anbieter sind neben Flinkster und Cambio auch Stadtmobil und teilAuto.

Das Alternativmodell heißt Free-floating und funktioniert stationsunabhängig. Das gibt es allerdings derzeit nur in Großstädten. Per Ortungssystem GPS auf dem Smartphone wird das nächstgelegene freie Auto angezeigt. Nach der Fahrt kann das Fahrzeug auf allen öffentlichen Parkplätzen innerhalb der Stadt wieder abgestellt werden. Größte und bekannteste Anbieter sind DriveNow und Car2go. Der Vorteil beim Free-floating ist, dass Kunden ganz spontan, auch für kurze Strecken, ein Auto nehmen können. Das ist praktisch, wenn beispielsweise der Einkauf doch etwas größer als geplant ausgefallen ist. Dafür ist es in der Regel teurer als stationsabhängiges Carsharing.

Bundesverband Carsharing
Der Bundesverband CarSharing (BCS) ist der Dachverband der deutschen Carsharing-Anbieter. Zurzeit sind 122 der rund 150 deutschen Anbieter darin organisiert. Neben der politischen Interessenvertretung der Branche sind die Aufgaben des BCS unter anderem die kompetente und aktuelle Informationsübermittlung. Hierzu erhebt der Verband regelmäßig Überblickszahlen zur Carsharing-Branche.

Welche Kosten?
Martin Reinhardt benötigt nur selten ein Auto. Der Jurist arbeitet in Wiesbaden, ins Büro fährt er mit dem Rad. Auch abends nutzt er gelegentlich Carsharing-Autos, beispielsweise um mit seiner Freundin auf ein Konzert ins nahegelegene Frankfurt am Main zu fahren. Mit Carsharing sei er unabhängiger. „Man muss nicht schauen, wann fährt der nächste Bus, wann fährt die nächste Straßenbahn, die nächste S-Bahn. Man kann flexibel entscheiden, wann man losfährt und wann man wieder zurückfährt“, so Reinhardt.

Neben der Flexibilität zählen für ihn aber auch die Kosten. Die sind nutzungsabhängig: Eine Stunde Automiete kostet bei seinem Anbieter 1 Euro. Das macht für einen Abend bei 8 Stunden Mietzeit 8 Euro. Pro gefahrenem Kilometer kommen noch 15 Cent obendrauf. Für 80 Kilometer gefahrene Strecke sind das also 12 Euro. Macht zusammen rund 20 Euro. Für Öffentliche Verkehrsmittel müssten Reinhardt und seine Freundin insgesamt 32 Euro zahlen – da kommt Carsharing günstiger.

verbrauchertipp: Rechnen lohnt sich – vor allem wenn Sie eine Fahrt mit mehreren Personen planen, kann das Carsharing-Fahrzeug Sie weniger kosten als die öffentlichen Verkehrsmittel.

Für das Tanken fallen keine Extrakosten an. Ist der Tank bei der Rückgabe des Wagens nur noch ein Viertel voll, muss Martin zwar tanken. An der Tankstelle bezahlen muss er aber nicht. Dafür liegt eine Tankkarte im Auto. Treibstoff ist in der Kilometerpauschale enthalten.

Tank-Regelungen
Beachten Sie: Viele Anbieter haben unterschiedliche Tank-Regelungen. So sagen beispielsweise viele Anbieter, dass der Tank generell mindestens ein Viertel voll sein sollte. Zeigt die Tankanzeige weniger Sprit an, sollten Sie an die Tankstelle fahren und tanken. Wer das Auto mit zu wenig Sprit zurückgibt, muss gegebenenfalls sogar eine Strafe zahlen. Prüfen Sie also die Bedingungen Ihres Anbieters genau.

Häufigkeit und Strecke entscheidend
Lohnt sich Carsharing? Für manche ist es günstiger als ein eigenes Auto. Dazu muss man die gesamten Kosten vergleichen. Beispiel: Ein gebrauchter Kleinwagen kostet in der Regel mindestens 200 Euro monatlich, inklusive Nebenkosten. Berechnungshilfen gibt es im Internet zum Beispiel beim ADAC .

Wer mit dem Gedanken spielt, auf Carsharing umzusteigen, der muss erst einmal gut durchrechnen, wie viel er im Jahr fährt. Die Faustregel besagt, dass sich Carsharing rechnet, wenn man weniger als 10.000 Kilometer fährt, und bei häufigen Kurzstrecken. Für Berufspendler ist Carsharing grundsätzlich ungeeignet. Wer täglich auf ein Auto angewiesen ist, fährt besser im eigenen Auto.

verbrauchertipp: Carscharing wird meist nach Stunden berechnet. Je kürzer man unterwegs ist, umso günstiger ist es. Wer mehrere Tage einen Wagen braucht, ist meist mit einem Mietauto besser dran.

Versicherungsschutz fährt mit
Unfälle passieren auch mit dem Carsharing-Auto. Daher ist der Versicherungsschutz wichtig. Registrierte Nutzer sind normalerweise automatisch über den Anbieter versichert. Meist ist es ein Haftpflicht- und Vollkaskoschutz mit Selbstbeteiligung. Die Höhe der Selbstbeteiligung variiert je Anbieter oder Tarifmodell. Am besten schaut man vorher, welche Regelung einem am ehesten zusagt.

verbrauchertipp: Prüfen Sie vor Abschluss eines Vertrags mit einem Anbieter ganz genau dessen Allgemeine Geschäftsbedingungen (AGB). Sollte Ihnen etwas unklar sein, fragen Sie in jedem Fall beim Anbieter nach.

Schaden melden
Wie bei einem Mietwagen sollten Carsharing-Nutzer kurz das Auto begutachten, bevor die Fahrt beginnt. Gibt es auffällige Kratzer oder Dellen? Alte Schäden sind im Bordbuch vermerkt oder mit kleinen Aufklebern am Auto gekennzeichnet. Wer neue Schäden entdeckt, sollte sich mit dem Anbieter in Verbindung setzen, bevor er losfährt. Wird der Schaden erst nach der Fahrt festgestellt, können die Anbieter sich an den vorherigen Kunden wenden. Allerdings liegt die Beweispflicht beim Anbieter, er muss beweisen, dass der Schaden in der entsprechenden Nutzungszeit entstanden ist. Persönlich haften die Kunden nur für Schäden, die vorsätzlich oder fahrlässig verursacht wurden.

verbrauchertipp: Speichern Sie die Nummer des Kundenservice in Ihrem Handy, damit sie jederzeit griffbereit ist. Passiert während Ihrer Nutzungszeit ein Unfall oder entsteht ein Schaden am Fahrzeug, setzen Sie sich sogleich mit Ihrem Anbieter in Verbindung. Kommt es zu größeren Schäden oder gar einem schwereren Unfall, sollten Sie zudem die Polizei rufen.

Entspannter und häufig günstiger
Martin Reinhardt aus Wiesbaden nutzt Carsharing nun seit gut einem Jahr. Drei bis fünfmal pro Monat bucht er einen Wagen. Was ihn das kostet, sieht er auf seiner monatlichen Abrechnung: im Schnitt weniger als 70 Euro. Für den Juristen lohnt sich Carsharing – nicht nur finanziell. Denn er spart auch eine Menge Zeit. In seiner Wohngegend, wo Parkplätze Mangelware sind, ist ihm eine Parklücke an der Station immer garantiert. Und auch lästige Reparaturen, Wartungen und Autowäschen lässt er die Sorgen des Carsharing-Anbieters sein.

Quelle: Verbraucherblick Ausgabe 12/ 2016