Gestützt von einem überraschend starken ifo-Geschäftsklima konnten die europäischen Aktienmärkte in der vergangenen Woche weiter zulegen. Die Unternehmens-Berichtssaison für das zweite Quartal brachte gemischte Impulse, fiel im Vergleich zu den Prognosen bisher
insgesamt jedoch gut aus.

Der DAX stieg auf gut 10.400 Zähler und machte damit gegenüber seinem Tiefstand kurz nach dem Brexit-Entscheid der Briten innerhalb von rund vier Wochen zwölf Prozent gut. Dagegen entwickelte sich der amerikanische S&P 500 in den vergangenen Tagen nur noch seitwärts bis leicht abwärts. Dabei wurde der US-Technologiesektor durch die positiv überraschenden Quartalszahlen von Apple beflügelt, während der Energiesektor auf Grund des zuletzt wieder gesunkenen Ölpreises Kursverluste hinnehmen musste. In Europa zählten Ölaktien gleichfalls zu den größten Verlierern; Automobil- und Rohstoffwerte konnten demgegenüber deutliche Kursgewinne vorweisen.

Ifo-Geschäftsklima zeigt sich erstaunlich robust

Positive Impulse erhielten Europas Aktienmärkte vom ifo-Geschäftsklimaindex, der
erstmals voll nach dem Brexit-Votum erhoben wurde. Dieses wichtige Konjunkturbarometer hielt sich mit 108,3 Punkten nach 108,7 im Juni wesentlich besser als von Analysten erwartet. Denn die Konsens-Prognose lag bei 107,5 Zählern. Die am Aktienmarkt besonders stark beachtete Komponente für die Geschäftserwartungen ging gleichfalls nur moderat zurück, von 103,1 auf 102,2 Punkte (Konsens-Prognose: 101,6).

Zuvor waren bereits die vorläufigen Einkaufsmanagerindizes (PMI) aus dem Euro-Raum von Juli besser ausgefallen als erwartet. So ging der Composite-PMI nur von 53,1 auf 52,9 Punkte zurück. Die robusten Frühindikatoren sprechen dafür, dass die Konjunktur in Deutschland und im Euro-Raum widerstandsfähiger gegenüber negativen Brexit-Effekten sein könnte als befürchtet.

Amerikas Wachstum unerwartet schwach

Enttäuscht zeigten sich Börsianer von der Veröffentlichung des US-Bruttoinlandsprodukts (BIP) für das zweite Quartal 2016. Es stieg gegenüber dem ersten Vierteljahr lediglich um annualisiert – also aufs Jahr hochgerechnet – 1,2 Prozent. Volkswirte hatten ein Plus von 2,6 Prozent prognostiziert. Auch das Vorquartalsergebnis wurde um 0,3 Prozentpunkte auf 0,8 Prozent nach unten revidiert. Das bedeutet, dass die US-Wirtschaftsleistung im Frühjahrsquartal nur 1,2 höher war als vor einem Jahr.

Getragen wurde der verhaltene Aufschwung in den USA im zweiten Quartal vor allem vom privaten Verbrauch. Doch auch der Außenhandel konnte zum Wachstum beitragen (+0,2 Prozentpunkte), obwohl die Dollar-Aufwertung den Export bremste. Erneut schwach war im Frühjahr die Investitionstätigkeit, was sich in einem Minus der Ausrüstungsinvestitionen zeigt, aber auch in einem Rückgang der Leistung des Gewerbebaus. Hierzu hat womöglich auch die Schließung weiterer Ölbohranlagen beigetragen.

Überraschenderweise war auch der Wohnungsbau – nach immerhin acht starken Quartalen – deutlich rückläufig. Das war nicht unbedingt zu erwarten, da die Daten für den Wohnungsbau in den vergangenen Monaten relativ gut waren. Zu den weiteren Bremsklötzen der US-Konjunktur im zweiten Quartal zählte zudem der Lagerabbau, der relativ kräftig ausfiel.

Drittes Quartal dürfte besser werden

Die Bekanntgabe der Q2-BIP-Daten offenbarte, dass sich die US-Konjunkturschwäche des Winterhalbjahres 2015/16 auch im Frühjahr 2016 fortgesetzt hat. Dabei blieb mit dem Konsum zwar eine Hauptstütze der US-Wirtschaft bestehen, doch von den übrigen Nachfragekomponenten gingen keine positiven Impulse aus. Die ungebrochen gute Arbeitsmarktlage und höhere Ersparnisse der Amerikaner sprechen dafür, dass der private Konsum auch im dritten Vierteljahr die Konjunktur antreiben wird.

Darüber hinaus dürfte im Sommer der von den Investitionen ausgehende Bremseffekt kleiner werden, da sich die Industrie zu erholen scheint. Darauf deuten zumindest die Frühindikatoren hin. Daher ist für das dritte Quartal eine etwas höhere BIP-Wachstumsrate von zwei bis 2,5 Prozent wahrscheinlich.

Wenngleich die Konjunkturzahlen aus Amerika in der vergangenen Woche durchwachsen waren, blieb der positive Trend des Economic Surprise Index der Citigroup, der Abweichungen der veröffentlichten Konjunkturdaten von den Konsens-Prognosen misst, intakt. Für die USA erhöhte sich der Index auf +37 Punkte und auch die Teilindizes für den Euro-Raum (+16 Punkte) und die Emerging Markets (-8 Punkte) verbesserten sich.

Fed-Sitzung beeindruckt Börse nicht

Auf der Juli-Sitzung des Offenmarktausschusses (FOMC) der Federal Reserve (Fed) hat
diese den Leitzins, wie erwartet, in der bisherigen Spanne zwischen 0,25 und 0,5 Prozent belassen. Dabei konstatierte die Fed in ihrem Statement trotz des Brexit-Votums, dass die kurzfristigen Risiken für den Wirtschaftsausblick abgenommen hätten. Am US-Aktienmarkt hinterließ die Fed-Sitzung kaum Spuren.

Die wirtschaftliche Einschätzung der Fed fiel insgesamt besser aus als in der letzten Sitzung. Dies ist primär auf die Erholung des Arbeitsmarktes zurückzuführen. So lag der Stellenaufbau im Juli bei 287.000 Jobs, nachdem im Mai nur ein Beschäftigungsaufbau von 11.000 Stellen berichtet worden war. Auch die wieder gestiegene Partizipation am Arbeitsmarkt wurde von der Fed positiv hervorgehoben. Die Konjunkturdynamik wurde weiterhin als moderat beschrieben, die Inflationserwartungen unverändert als niedrig eingestuft.

Entsprechend dieser Einschätzungen stimmte die Mehrheit der stimmberechtigten FOMC-Mitglieder für eine unveränderte Geldpolitik. Einzig Kansas City Fed-Präsidentin Esther George sprach sich, wie schon in der März- und April-Sitzung, für eine Anhebung des Leitzinses aus. George hatte bereits in ihren letzten Reden angekündigt, für einen zweiten Zinsschritt zu stimmen, da sich die Wirtschaft ausreichend erholt hätte und bisher keine Folgen der erhöhten Finanzmarktvolatilität auf die US-Konjunkturentwicklung zu sehen seien.

Gewinnen Falken innerhalb der Fed die Oberhand?

Das Statement der Fed ist damit etwas „hawkischer“ ausgefallen als im Juni. Der Jobmarkt hat sich aus Sicht des FOMC erholt und ist wieder auf Kurs zum Vollbeschäftigungsziel der Fed. Ansonsten hat sich an der wirtschaftlichen Einschätzung nicht viel geändert. Vom Inflationsziel ist die Fed noch genauso weit entfernt wie auf den letzten Sitzungen. Interessanterweise hat die Fed in ihrem Juli-Statement dennoch angegeben, dass die kurzfristigen Risiken für ihren Wirtschaftsausblick abgenommen hätten, obwohl die Briten für den Brexit gestimmt haben. Das deutet darauf hin, dass die Gruppe der Falken im FOMC allmählich ein Übergewicht erlangt. Sie neigen zu der Meinung, dass vom Brexit-Votum zumindest in den nächsten Monaten kein negativer Einfluss auf die US-Konjunktur ausgeht und deshalb die Leitzinsen bald weiter angehoben werden können.

Ungeachtet dessen ist damit zu rechnen, dass die Unsicherheit an den Finanzmärkten um den tatsächlichen Brexit die Fed von einem baldigen Zinsschritt abhalten wird. Sollte sich diese Unsicherheit an den Märkten in den kommenden Wochen allerdings nicht zeigen, würde dies das Risiko für eine frühere Zinsanhebung erhöhen. Im Moment gehen viele Experten davon aus, dass es frühestens im Dezember zu einer Anhebung des Leitzinses kommt, wenn die Auswirkungen des Brexit-Votums abgeschätzt werden können und sich der Rauch des US Präsidentschafts-wahlkampfs verzogen hat.
Für ein Abwarten der Fed spricht, dass zuletzt ein hochrangiger Vertreter der US-Notenbank angesichts weltweiter Risiken in Sachen Zinserhöhungen zu Vorsicht gemahnt hat. Negative Schocks für die US-Wirtschaft seien wahrscheinlicher als positive, sagte der Fed-Chef von New York, William Dudley. Er sprach dabei unter anderem Folgen eines Ausscheidens Großbritanniens aus der Europäischen Union und den starken Dollar an. Zugleich sei es aber übereilt, eine Zinserhöhung in diesem Jahr auszuschließen, sagte er.

Firmen-Berichtssaison insgesamt positiv
Im Rahmen der Unternehmens-Berichtssaison gab es bei den DAX-Konzernen in der vergangenen Woche mit Deutscher Bank, BASF und Linde einige Enttäuschungen, die auf Einzeltitelebene Kursverluste nach sich zogen. Insgesamt verlief die Berichtsperiode bislang gemessen an den Konsens-Prognosen aber vergleichsweise gut. So konnten etwa 80 Prozent der S&P-500-Konzerne beim Ergebnis je Aktie positiv überraschen. Bei den bislang vorliegenden Quartalsberichten von Unternehmen aus dem STOXX Europe 600 konnten fast 60 Prozent die Erwartungen übertreffen.
Allerdings werden die Konsens-Prognosen im Vorfeld der Berichtssaison sehr häufig reduziert, weshalb der Trend der Gewinnrevisionen letztlich relevanter ist als die an den aktuellen Konsens-Prognosen gemessenen Gewinnüberraschungen in einer einzelnen Quartalsberichtssaison.

Was die neue Woche bringt
Diese Woche dürften unter anderem aktuelle Konjunkturdaten das Marktgeschehen prägen. Mit den (endgültigen) Markit-Einkaufsmanagerindizes aus China, dem Euro-Raum und den USA sowie den ISM-Indizes für das Verarbeitende Gewerbe und den Dienstleistungssektor aus den USA stehen wichtige Frühindikatoren zur Veröffentlichung an. Bei den ISM-Indizes geht der Konsens davon aus, dass die in den vergangenen Monaten gestiegenen Werte weitgehend gehalten werden können. Zum Ende der Woche steht dann der US-Arbeitsmarktbericht von August im Fokus, bei dem der Konsens von einem Beschäftigungszuwachs um 175.000 Stellen ausgeht. Außerdem werden im Wochenverlauf die US-Konsumausgaben sowie der Auftragseingang der deutschen Industrie veröffentlicht.
Zudem setzt sich die Unternehmens-Berichtssaison fort. Aus dem DAX stehen dabei die Berichte folgender Konzerne an: Deutsche Lufthansa, BMW, Fresenius, Fresenius Medical Care, Infineon Technologies, Vonovia (Di.), Deutsche Post, Continental (Mi.), Siemens, Merck KGaA, Beiersdorf, ProSiebenSat.1 Media (Do.) und Allianz (Fr.). Im Unternehmenssektor werden am Montag außerdem die Banken im Vordergrund stehen, nachdem Freitagabend der letzten Woche die Ergebnisse des EU-Bankenstresstests veröffentlicht wurden.

An den Aktienmärkten dürfte sich die volatile Seitwärtsentwicklung der vergangenen Monate fortsetzen. Gegen die Herausbildung eines nachhaltigen Abwärtstrends sprechen erstens die trotz Konjunkturverlangsamung in Europa insgesamt stabile Weltwirtschaft, zweitens die weltweit ultralockere Geldpolitik, drittens die bereits defensive Positionierung der Investoren.

Aktuelle Konjunkturdaten der neuen Woche:

 MonatPrognoseLetzter
Montag, 1.8.2016
PMI Verarb. Gewerbe China (Punkte)Juli48.848.6
PMI Verarb. Gewerbe Deutschland (Punkte)Juli53.753.7
PMI Verarb. Gewerbe Eurozone (Punkte)Juli51.951.9
ISM-Index Verarb. Gewerbe USA (Punkte)Juli5353.2
Dienstag, 2.8.2016
Private Einkommen USA (% zum Vormonat)Juni0.30.2
Konsumausgaben USA (% zum Vormonat)Juni0.30.4
Mittwoch, 3.8.2016
PMI Dienstleistungen Deutschand (Punkte)Juli54.654.6
PMI Dienstleistungen Eurozone (Punkte)Juli52.752.7
ISM-Index Dienstleistungen USA (Punkte)Juli5656.5
Donnerstag, 4.8.2016
Zinsentscheid Bank of England (%)Aug0.250.5
Auftragseingang USA (% zum Vormonat)Juni-1.9-1
Freitag, 5.8.2016
Auftragseingang Deutschland (% zum Vormonat)Juni0.50
Beschäftigung USA (Tsd. zum Vormonat)Juli180287
Arbeitslosenrate USA (%)Juli4.84.9