Die Stimmungen in den Medien und an den Finanzmärkten tendierten zuletzt wieder einmal in gegensätzliche Richtungen. Standen in den Medien Berichte über potenzielle Risiken im Vordergrund – beispielsweise ein möglicher Handelskrieg, Sanktionen gegen den Iran, die problematische Regierungsbildung in Italien –, hat sich an den Finanzmärkten die Stimmung seit Ende März mehr und mehr beruhigt. Diese Beruhigung lässt sich an der Entwicklung der Volatilitätsindizes VIX und VDAX ablesen, die mit Werten von 13,5 beziehungsweise 15 zwar weiter oberhalb der Tiefstände der letzten zwölf Monate notieren. Von den extremen Angstwerten von Anfang Februar und Ende März haben sie sich aber wieder deutlich entfernt.

Die sich von sehr ängstlich zu weniger ängstlich bessernde Stimmung an den Kapitalmärkten hat zu einer deutlichen Erholung der Aktienindizes im April und Mai geführt. So steht der deutsche Leitzindex DAX mittlerweile wieder rund zehn Prozent über den Tiefständen von Ende März und leicht über den Kursen vom Jahresanfang. In den USA sieht es ähnlich aus. Der Index Russell 2000, in dem die amerikanischen Small-Caps notiert sind, die generell stärker auf den Heimatmarkt fokussiert sind als die Large-Caps, konnte vergangene Woche sogar ein neues Allzeithoch erreichen.

Firmen-Quartalssaison trägt zu Stimmungserholung bei

Bewirkt wurde dieser Stimmungswandel an den Märkten nicht zuletzt durch die zurückliegende Unternehmens-Berichtssaison für das erste Quartal. Die von den Firmen vorgelegten Zahlen zeigen, dass die Gewinne so stark gewachsen sind wie lange nicht mehr. In vielen Fällen wurden die ohnehin hohen Erwartungen sogar übertroffen. Die Fundamentaldaten präsentieren sich somit weiterhin positiv. Die Eintrübung verschiedener Frühindikatoren sowie die schlechteren BIP-Zahlen haben sich in den Unternehmensbilanzen bisher nicht unmittelbar niedergeschlagen.

Anleger fragen sich allerdings, wie die Notenbanken auf die zuletzt schwächeren Konjunkturdaten reagieren werden. Werden diese die Europäische Zentralbank (EZB) dazu veranlassen, das Ende ihrer extrem expansiven Geldpolitik noch weiter in die Zukunft zu verschieben?

EZB: Wirtschaftswachstum entspricht Erwartungen

Der scheidende EZB-Vizepräsident Vitor Constancio gab sich in seinen letzten Reden wenig beeindruckt vom Rückgang der Konjunkturdaten. Zwar fielen manche Indikatoren etwas schlechter aus als erwartet, trotzdem entwickle sich das Wirtschaftswachstum seiner Einschätzung nach noch entsprechend den Prognosen. Für den Fall einer Rezession könne er sich vorstellen, dass die EZB nach japanischem Vorbild auf eine Zinskurvensteuerung zurückgreift.

Außerdem sei das 33 Prozent-Kauflimit im Wertpapier-Kaufprogramm auf alle ausstehenden Anleihen pro Land von der EZB selbst auferlegt und nicht in Stein gemeißelt. Weiter sprach sich Constancio für ein schnelleres Vorantreiben der Banken-Union aus. Er erwarte auf der Juni-Sitzung des Europäischen Rates die Schaffung eines Backstops für den Single Resolution Fund (SRF).

Gleichzeitig stellte der französische Währungshüter Villeroy de Galhau klar, dass eine erste Zinsanhebung einige Quartale, nicht Jahre, nach dem Ende der Wertpapier-Käufe folgen dürfte. Der Zeitabstand wäre aber nicht fest und so spiele es kaum eine Rolle, ob die EZB die Käufe im September oder Dezember beenden würde.

Nachdem die Nachfolgediskussion um Mario Draghi (Amtszeitende Oktober 2019) bereits seit längerem geführt wird, hat diese nun auch für den Posten von EZB-Chefvolkswirt Peter Praet (Amtszeitende Mai 2019) Fahrt aufgenommen. Als Nachfolger gehandelt werden der Ire Philip Lane, der als geldpolitische Taube gilt, sowie der Este Ardo Hansson, den Notenbank-Beobachter den Falken zurechnen.

Erhöht die US-Notenbank Fed ihr Inflationsziel

In der amerikanischen Zentralbank Fed wurden derweil neue Diskussionen begonnen. So wurde von mehreren Fed-Präsidenten die Zielvorgabe für das Erreichen von Preisstabilität bei einer jährlichen Inflationsrate von zwei Prozent in Frage gestellt und offen überlegt, ob es nicht bessere Alternativen gäbe. Zusätzlich wurde die Frage des derzeitigen Niveaus des „neutralen“ und damit langfristigen Zinses aufgeworfen.

San Francisco Fed-Präsident John Williams sieht dies trotz des aktuell stärkeren Wirtschaftswachstums bei unverändert 2,5 Prozent. Denn die Steuerreform hätte die Potenzial-Wachstumsrate nicht steigen lassen. Entsprechend sind für ihn bei einem aktuellen Zinsniveau von 1,5 –1,75 Prozent nur noch wenige Zinsschritte in diesem Zinsanhebungszyklus notwendig.

Was die neue Woche bringt

Für die Konjunkturentwicklung in der Eurozone ist momentan die wichtigste Frage, wie weit sich die Stimmung der Unternehmen noch eintrübt. Kann nach der Euphorie zum Jahreswechsel das aktuelle, nachhaltigere Niveau in etwa gehalten werden, spräche vieles dafür, dass sich der Aufschwung recht kräftig fortsetzt. Eine weitere deutliche Eintrübung der Stimmung könnte dagegen zu Investitionszurückhaltung und damit zu einer weiteren Abkühlung der Konjunktur führen.

Entscheidend ist vor allem die Entwicklung in Deutschland, da hier zu Lande die Konjunkturabschwächung im ersten Quartal mit am deutlichsten von allen großen Ländern des Euroraums ausfiel. Nach dem spürbaren Einbruch des ifo Geschäftsklimas im April erwarten Volkswirte für den Mai eine erste Stabilisierung (Fr.). Hierauf deutet der Einkaufsmanagerindex für das Verarbeitende Gewerbe in Deutschland hin, der bereits im April sein Niveau gehalten hat.

Angesichts der nach wie vor unsicheren Lage im Handelsstreit mit den USA sowie dem Ausstieg der Amerikaner aus dem Iran-Abkommen scheint ein Wiederanstieg des Geschäftsklimas jedoch unwahrscheinlich. Vielmehr sind in den exportabhängigen Branchen (Industrie, Handel) weitere Rückgänge der Stimmung wahrscheinlich, während im Dienstleistungssektor und im Bau ein Anstieg realistisch scheint. Insgesamt dürfte das Geschäftsklima in Deutschland damit im Mai den sechsten Monat in Folge sinken, allerdings in einem langsameren Tempo. Das wäre ein deutlicher Hinweis darauf, dass auch im zweiten Quartal nicht mit einer allzu hohen Konjunkturdynamik zu rechnen ist. Doch scheint der Konjunkturoptimismus der Unternehmen noch groß genug, dass Investitionen nicht vertagt werden und eine BIP-Wachstumsrate von rund einem halben Prozent im zweiten Quartal möglich ist. Ein ähnliches Bild dürften auch die Einkaufsmanagerindizes für den Euro-Raum im Mai zeichnen (Mi.). Hier rechnen Analysten ebenfalls mit einem (leichten) Sinken der Stimmungsindikatoren.

In den USA stehen diese Woche nur wenige Konjunkturzahlen zur Veröffentlichung an. Die anstehenden Daten sind dabei primär auf die Zukunft gerichtet. Die Auftragseingänge
langlebiger Güter sollten im April rückläufig gewesen sein (Fr.). Ursächlich hierfür sind die Transportgüterbestellungen, wobei insbesondere der Flugzeugbau eine deutlich niedrigere Bestelltätigkeit im April verzeichnete. Bedenkt man jedoch, dass derzeit wegen der vollen Auftragsbücher von der Beauftragung bis zur Produktion eines Flugzeugs Jahre vergehen, sollte dies wenig Einfluss auf die Aussichten der US-Industrie in den kommenden Monaten haben. Aussagekräftiger sind die Aufträge ohne den Transportsektor. Diese dürften im April moderat zugelegt haben und damit das produzierende Gewerbe zeitnah stützen.

Der Markit Einkaufsmanagerindex (PMI) für das Verarbeitende Gewerbe sollte im Mai gleichfalls etwas zulegen (Mi.). Hierauf deutet der spürbare Anstieg des Philadelphia Fed-Frühindikators für Mai hin. Allerdings sollte der Markit Frühindikator nur leicht zulegen, da das Niveau des Index bereits sehr hoch ist.

Davon abgesehen steht von geldpolitischer Seite die Veröffentlichung der Fed-Minutes zur Mai-Sitzung im Fokus (Mi.). Hier könnte deutlich werden, wie die Fed die aktuelle Inflationsentwicklung und ein mögliches Überschießen der Inflationsrate deutlich über ihren Zielwert von zwei Prozent hinaus bewertet. Je nach Ergebnis dieser Diskussion dürften auch die Überlegungen im Offenmarktausschuss im Fokus stehen, ob auf Grund der höheren Inflation mehr als die bisher von der Fed prognostizierten drei Zinsschritte in diesem Jahr angestrebt werden.

Die wichtigsten Konjunkturdaten der neuen Woche

 MonatPrognoseLetzter
Montag, 21.5.2018
keine wichtigen Daten
Dienstag, 22.5.2018
Richmond Fed-Index USA (Punkte)Mai-3.5-3
Mittwoch, 23.5.2018
PMI Verarb. Gewerbe Deutschland (Punkte)Mai57.958.1
PMI Dienstleistungen Deutschland (Punkte)Mai52.853
PMI Verarb. Gewerbe Euroland (Punkte)Mai56.156.2
PMI Dienstleistungen Euroland (Punkte)Mai54.554.7
PMI Composite Euroland (Punkte)Mai54.9555.1
PMI Verarb. Gewerbe USA (Punkte) Mai56.856.5
Neubauverkäufe USA (Tsd.)April679694
Verbrauchervertrauen Euroland (Punkte)Mai0.40.4
Donnerstag, 24.5.2018
BIP Deutschland (% zum Vorquartal)Q10.30.3
GfK Verbrauchervertrauen Deutschl. (Punkte)Juni10.710.8
Verkauf bestehende Häuser USA (Mio.)April5.565.6
Freitag, 25.5.2018
ifo Geschäftsklima Deutschland (Punkte)Mai101.9102.1
ifo Geschäftserwartungen Deutschland (Punkte)Mai98.498.7
ifo Geschäftslage Deutschland (Punkte)Mai105.4105.7
Auftragseing. Langl. Güter USA (% zum Vormonat)April-12.6
Uni Michigan Verbrauchervertr. USA (Punkte)Mai98.498.8