Die vergangene Woche hatte es wirklich in sich: Die Wahl in Großbritannien mit einem überraschenden Ausgang, die Anhörung von Ex-FBI-Chef James Comey, die Sitzung der Europäischen Zentralbank (EZB) und schließlich die Parlamentswahl in Frankreich. Doch von Aufregung war an den Aktienmärkten nichts zu spüren. Im Gegenteil, die Anleger blieben überaus gelassen, was an der niedrigen Volatilität der Börsen diesseits und jenseits des Atlantiks abzulesen war. Zwar gab das britische Pfund nach der Wahlpleite von Theresa May deutlich nach. Die Aktienmärkte nahmen dagegen Kurs auf ihre bisherigen Rekordhochs. Hier überwog die Hoffnung, dass die geplante Scheidung des Vereinigten Königreichs von der EU friedlich ausfällt.

Noch sind die Tories die stärkste Partei im britischen Parlament, haben aber die absolute Mehrheit verloren. Damit ist der Plan von May, sich im Unterhaus mehr Rückendeckung für die Brexit-Verhandlungen zu sichern, gescheitert. Nun sind die parlamentarische Mehrheit und somit das Verhandlungsmandat der Briten gegenüber der EU so schwach, dass ein harter Brexit kaum mehr möglich sein dürfte. Wegen der Komplexität und Fülle der zu behandelnden Materie ist zudem unwahrscheinlich, dass der vorgesehene Zeitraum von zwei Jahren reicht, um eine geordnete „Scheidung“ über die Bühne zu bringen. Es sollte allerdings kein Problem sein, dass sich beide Seiten auf eine Verlängerung der Verhandlungsdauer einigen.

Zweites Referendum über Brexit?

Unwahrscheinlich ist, dass es zu einem Brexit kommt, der für das Vereinigte Königreich keinen ökonomischen Schaden mit sich bringt. Vorboten sind schon jetzt zu erkennen: Die Immobilienpreise beginnen bereits zu sinken, das schwache Pfund treibt die Inflation nach oben. Gut möglich, dass ein Großteil der Untertanen ihrer Majestät allmählich umdenkt. Vor diesem Hintergrund ist sogar ein zweites Referendum mit dem Ergebnis eines Verbleibs der Briten in der EU nicht auszuschließen.

Während die Wahl in Großbritannien völlig unerwartet mit einem Fiasko für die Premierministerin endete, konnte Frankreichs neuer Präsident Emmanuel Macron bei der Parlamentswahl in seinem Land einen klaren Sieg erzielen. Das Lager seiner Partei La République en Marche (REM) landete in der ersten Wahlrunde laut Hochrechnungen mit rund 32 Prozent an erster Stelle.
Damit können REM und die Verbündeten im zweiten Wahlgang am kommenden Wochenende laut Meinungsforschern auf mindestens 390 der 577 Sitze in der Nationalversammlung hoffen. Das wäre eine deutliche absolute Mehrheit, die Macron helfen würde, umstrittene Reformvorhaben wie zum Beispiel eine Arbeitsrechtsnovelle durchzusetzen.

EZB passt Wachstums- und Inflationsprojektion an

Neben den politischen Ereignissen in Europa interessierten sich die Börsianer vergangene Woche vor allem für die Ratssitzung der EZB. In dieser trug die Führungsspitze der EZB den verbesserten konjunkturellen Rahmenbedingungen in der Eurozone Rechnung. So stuft die Notenbank nun die Risiken für die Euro-Wirtschaft nicht mehr kritisch, sondern als ausgeglichen ein. Das schlägt sich nicht zuletzt in einer neuen Wachstumsprojektion der EZB nieder: Für das laufende Jahr rechnet man nun mit 1,9 statt bisher 1,8 Prozent BIP-Zunahme, für 2018 mit 1,8 nach bislang 1,7 Prozent, für 2019 mit 1,7 nach 1,6 Prozent.
EZB-Präsident Mario Draghi betonte aber ausdrücklich, dass diese Konjunkturerholung ohne die Unterstützung der Geldpolitik nicht möglich sei. In diesem Zusammenhang wiesen die Währungshüter darauf hin, dass theoretisch die Leitzinsen – falls nötig – weiter gesenkt werden könnten, auch wenn diese geldpolitische Maßnahme aus dem aktuellen Kommuniqué der EZB gestrichen wurde.
Nicht nur die Wachstumsprojektion wurden revidiert, sondern auch die Inflationsprojektion – und zwar deutlich nach unten: Für 2017 kalkulieren die Notenbanker jetzt mit einer Teuerungsrate von 1,5 Prozent, nachdem es vorher 1,7 Prozent waren; 2018 sollen die Preise dann um 1,3 Prozent zulegen (bisher 1,6), 2019 um 1,6 Prozent (vorher 1,7). Damit bleiben die Inflationsraten deutlich unterhalb des mittelfristigen EZB-Ziels von knapp zwei Prozent.
Unter Druck gehalten werden sie von Ölpreisen, die auf Grund einer schwach ausgeprägten Förderdisziplin der Opec bei gleichzeitig hohem Ölangebot von Seiten der US-Fracking-Industrie keinen nachhaltigen Aufwärtsdruck erkennen lassen.
Die Kerninflationsrate – bei der Energie- und Nahrungsmittelpreise außen vor bleiben – verharrt ebenfalls stabil auf niedrigem Niveau. Sie ist noch weit davon entfernt – wie von der EZB gefordert – auch ohne geldpolitische Unterstützung zu steigen. Der mangelnde Inflationsdruck macht es der EZB leicht, die geldpolitische Trendwende hinauszuschieben. Deshalb wies Mario Draghi mit Nachdruck darauf hin, dass weiterhin ein „sehr umfangreiches geldpolitisches Engagement“ notwendig sei, um die Wachstums- und Inflationsziele der EZB zu erreichen.

Nach der Wahl ist vor der Wahl

Nachdem die politischen Risiken in der Eurozone nach dem Wahlausgang in Frankreich an Bedeutung verloren haben, werden sie mit vermutlich vorgezogenen Neuwahlen in Italien im Herbst wieder in den Fokus der Aktienmärkte rücken. Die Wahl im drittgrößten Land der Eurozone ist für einige Beobachter ein zentraler Grund für die hinausgeschobene Trendwende der EZB. Um Italien die finanzielle Belastung vor höheren Schuldzinsen zu ersparen – und damit die Risiken, die mit einem Euro-kritischen Wahlergebnis verbunden wären – dürften Draghi und Co. jede Verunsicherung an den Anleihemärkten vermeiden wollen.
Staatliche Konjunkturförderung und Transferleistungen Roms sollen für sozialen Frieden bei den Wählern sorgen. Da diese Finanzmittel mangels ausreichender Steuereinnahmen nur über neue Schulden generiert werden können, fühlt man sich bei der EZB zumindest bis zu italienischen Neuwahlen im Herbst weiter dafür verantwortlich, die zinsgünstige und reibungslose Finanzierung des Staatshaushalts zu gewährleisten. Darüber hinaus wird sie wohl bei der Sanierung italienischer Banken helfen müssen.

Geht die Rekordjagd an den Börsen weiter?

Angesichts der jüngsten Rekorde an den Aktienmärkten fragen sich Anleger, wie lange die Hausse noch anhält. In diesem Zusammenhang weisen Aktienanalysten darauf hin, dass die Unternehmensgewinne nach Jahren der Stagnation in diesem und im nächsten Jahr wieder deutlich steigen sollten. Das spreche dafür, dass auch die Aktienkurse in den kommenden Monaten weiter anziehen werden. Hierbei sollten die Bewertungsrelationen weitgehend stabil bleiben – wenngleich sie bereits etwas über den historischen Durchschnittsbewertungen liegen.

Mit einem ruhigen Kursverlauf ist freilich eher nicht zu rechnen, zumal immer wieder Bedenken aufleben könnten, dass dem Aktienmarkt eine baldige Korrektur bevorstehe. Mögliche Korrekturgründe sind die Vielzahl geopolitischer Krisenherde, die unruhige politische Gemengelage rund um US-Präsident Trump und die Aussicht darauf, dass Italien politisch unsichere Zeiten bevorstehen.

Die historische Analyse zeigt, dass die im bisherigen Jahresverlauf zu beobachtende Entwicklung relativ kontinuierlich steigender Kurse keinesfalls repräsentativ ist. In der Vergangenheit waren unterjährige Korrekturen eher die Regel als die Ausnahme. Das heißt: Die Märkte sind auch 2017 nicht gegen einen raschen Stimmungswechsel immun. Kurzfristige Rückschläge sind somit nicht auszuschließen. Historisch gesehen haben diese jedoch auch immer wieder gute Einstiegsmöglichkeiten bedeutet.

Was die neue Woche bringt

In der neuen Woche stehen in Europa die endgültigen Zahlen zur Inflationsentwicklung im Mai, Daten zur Industrieproduktion sowie Sentiment-Umfragen im Mittelpunkt des Interesses. Für die ZEW-Umfrage in Deutschland und in der gesamten Eurozone (Die.) ist eine abermalige Stimmungsverbesserung zu erwarten. Die gute Stimmung, die derzeit von verschiedenen Sentiment-Indikatoren signalisiert wird, überzeichnet aber die tatsächliche konjunkturelle Lage. Vor diesem Hintergrund geben die zur Veröffentlichung anstehenden Zahlen zur Industrieproduktion im April (Mi.) Aufschluss darüber, ob sich diese seit einiger Zeit zu beobachtende Divergenz verringert. Auf Basis der bereits vorliegenden Länderergebnisse ist für die Eurozone von einem Zuwachs um 0,4 Prozent im Vormonatsvergleich auszugehen.

Die endgültige Inflation in der gesamten Währungsunion (Mi.) im Mai dürfte sich von der bereits veröffentlichten Schnellschätzung nicht unterscheiden. So dürften die Gesamtinflation bei 1,4 Prozent und die Kernrate bei 1,0 Prozent bestätigt werden. Besonders die Kernrate ist im Hinblick auf die geldpolitische Ausrichtung der EZB von besonderem Interesse, machen die Währungshüter den ausbleibenden breit angelegten Preisauftrieb doch an diesem Teuerungsmaß fest.

Ebenfalls am Mittwoch werden die Euroland-Einzelhandelsumsatzzahlen für Mai bekanntgegeben. In Folge des für einen Mai untypischen Kraftstoffpreisrückgangs dürften die Einzelhandelspreise im letzten Monat gesunken sein. Der nominal berichtete Einzelhandelsumsatz dürfte daher lediglich stagniert haben. In der relevanten realen Abgrenzung sollte sich dagegen ein leichter Anstieg zum Vormonat ergeben.

In den USA steht mit den Zahlen zur Industrieproduktion für Mai (Do.) ein „harter“ Konjunkturindikator an. Die vorliegenden Zahlen zu Beschäftigung und Wochenarbeitsstunden im Verarbeitenden Gewerbe deuten auf eine leicht rückläufige Produktion hin. Demgegenüber dürfte der Output im Bergbau sowie in der Öl- und Gasförderung deutlich gestiegen sein. Aufgrund des sehr hohen Gewichts des Verarbeitenden Gewerbes an der gesamten Industrieproduktion dürfte diese im Vormonatsvergleich dennoch nur stagniert haben.

Mit dem Empire State Manufacturing Index und dem Philly Fed Index (beide Do) werden die beiden ersten relevanten regionalen Stimmungsumfragen für das Verarbeitende Gewerbe im Juni veröffentlicht. Nach dem markanten Anstieg des Philly Fed Index im Mai rechnet der Konsens bei diesem Indikator mit einem deutlichen Rücksetzer.

Hauptaugenmerk der Marktakteure wird diese Woche aber zweifellos auf der Fed-Zinssitzung am 14. Juni liegen. Dabei geht es in erster Linie nicht darum, ob die Währungshüter den Leitzins um 25 Basispunkte auf 1,00 bis 1,25 Prozent anheben. Alles andere als eine Zinserhöhung wäre eine faustdicke Überraschung. Stärker interessiert die Anleger, ob sich der projizierte Leitzinspfad verändert und ob es Ankündigungen zu einem möglichen Abbau des aufgeblähten Wertpapier-Portfolios der Fed gibt.

Was den Leitzinspfad angeht, besteht eine erhöhte Wahrscheinlichkeit, dass sich dieser für 2018 von drei auf vier Zinsanhebungen nach oben verschiebt. Verglichen mit März müsste hierzu nur eines von sechs FOMC-Mitgliedern, die für Ende 2018 ein Leitzinsniveau von 2,00 bis 2,25 Prozent als angemessen ansahen, in der Juni-Projektion für das nächste Jahr einen Zinsschritt mehr erwarten. Angesichts der jüngsten positiven Entwicklung des US-Jobmarkts ist das nicht unrealistisch.

Über den nach wie vor nur geringen Inflationsdruck dürften sich die Fed-Vertreter keine Sorgen machen. Im Gegenteil: Sie könnten sich wohl keine bessere Situation wünschen als einen voll ausgelasteten Arbeitsmarkt bei gleichzeitiger Preisstabilität. In diesem Umfeld können sie ihre geldpolitische Normalisierung in Ruhe fortsetzen. Mit Blick auf den Abbau des Anleiheportfolios dürfte Fed-Präsidentin Janet Yellen auf der Pressekonferenz konkret werden. Jüngste Äußerungen diverser FOMC-Mitglieder sowie das Sitzungsprotokoll von Mai legen nahe, dass es einen Konsens im FOMC gibt, noch in diesem Jahr mit dem Abschmelzen der Notenbankbilanz zu beginnen.

 

Die wichtigsten Konjunkturdaten der neuen Woche

 MonatPrognoseLetzter
Montag, 12.6.2017
Auftragseingang Maschinen Japan (% zum Vorm.)April0.71.4
Dienstag, 13.6.2017
ZEW-Konjunkturindex Deutschland (Punkte)Juni85.483.9
ZEW-Konjunkturindex Euroland (Punkte)Juni3735.1
Erzeugerpreise USA (% zum Vorjahr)Mai2.32.5
Erzeugerpreise Kernrate USA (% zum Vorjahr)Mai21.9
Mittwoch, 14.6.2017
Verbraucherpreise Deutschland (% zum Vorjahr)Mai1.51.5
Industrieproduktion Euroland (% zum Vormonat)April0.5-0.1
Einzelhandelsumsatz USA (% zum Vormonat)Mai0.10.4
Verbraucherpreise USA (% zum Vorjahr)Mai22.2
Verbraucherpreise Kernrate USA (% zum Vorj.)Mai1.91.9
Fed-Zinsentscheid USA (%)Juni1,00-1,250,75-1,00
Industrieproduktion China (% zum Vormonat)Mai6.46.5
Donnerstag, 15.6.2017
Bank of England Zinsentscheid (%)Juni0.250.25
Empire State Index USA (Punkte)Juni5-1
Philly Fed Index USA (Punkte)Juni2538.8
Industrieproduktion USA (% zum Vormon.)Mai0.11
NAHB Wohnungsmarktindex USA (Punkte)Juni7070
Freitag, 16.6.2017
Verbraucherpreise Euroland (% zum Vorjahr)Mai1.41.4
Verbraucherpreise Kernrate Euroland (% zum Vorj.)Mai0.90.9
Baubeginne USA (Tsd.)Mai12231172
Baugenehmigungen USA (Tsd.)Mai12501260
Konsumklima Uni Michigan (Punkte)Juni97.197.1