Anfang vergangener Woche konnten verschiedene Aktienmärkte neue Hochs markieren. Im Wochenverlauf legten die Börsen dann jedoch eine Verschnaufpause ein. Geprägt war das Marktgeschehen vor allem durch Spekulationen bezüglich der weiteren Geldpolitik der Notenbanken und weniger durch Fundamentaldaten.
Seit dem Brexit-Votum Ende Juni hat der Dax rund fünfzehn Prozent zugelegt und Mitte August bei rund 10.800 Punkten ein Jahreshoch erreicht. Die meisten anderen Aktienmärkte notieren mittlerweile wieder auf einem Stand von vor der Abstimmung der Briten. Das zeigt, wie gelassen die Börsianer mit der Brexit-Entscheidung umgehen – was insofern überrascht, als vor der Abstimmung viele Ökonomen und Analysten vor den Folgen eines EU-Austritts Großbritanniens gewarnt hatten. Tatsache ist, dass die angekündigten wirtschaftlichen Schäden bisher in den Aktienkursen nicht zu sehen sind.

Brexit-Votum: Folgen vom Markt unterschätzt?

Es ist jedoch keineswegs auszuschließen, dass die ökonomischen Konsequenzen des Brexit nach und nach sichtbar werden. Dann könnten sich die kurzfristig positiven Reaktionen der Märkte als voreilig erweisen und entsprechende Korrekturen nach sich ziehen. Im Vereinigten Königreich geht man jedenfalls von einer spürbaren Abschwächung der konjunkturellen Dynamik aus, was auch Auswirkungen auf Europa insgesamt zeitigen würde.
Die Bank of England hat bei ihrem Meeting Anfang August bereits reagiert und ihre Geldpolitik weiter gelockert, um das Wirtschaftswachstum des Landes zu stützen. Neben einer Zinssenkung um 25 Basispunkte auf 0,25 Prozent hat sie zwei Anleihen-Kaufprogramme über insgesamt 70 Milliarden Pfund beschlossen. Diese betreffen Staats- und Firmenanleihen. Der Umfang dieser Maßnahmen hat die Erwartungen der Märkte übertroffen. Wohlwollend registrierten die Investoren zudem die Aussage, dass Raum für weitere geldpolitische Lockerungen bestünde, falls das Umfeld dies erfordere.

Weitere EZB-Lockerungsschritte erwartet

Inzwischen gehen mehr und mehr Notenbank-Beobachter davon aus, dass die Europäische Zentralbank (EZB) es der Bank of England gleichtun wird und früher oder später ebenfalls weitere Lockerungsschritte beschließen werde. EZB-Präsident Mario Draghi und seine Mitstreiter im geldpolitischen Rat der Notenbank tagen das nächste Mal im September. EZB-Experten spekulieren darauf, dass Draghi zumindest eine Verlängerung des Unternehmensanleihen-Kaufprogramms über den Frühling 2017 hinaus verkünden wird. Insbesondere das blutleere Wachstum der Eurozone im zweiten Quartal 2016 befeuert die Erwartungen einer zusätzlichen geldpolitischen Lockerung.
Seit Jahren kauft die EZB in erheblichem Umfang Staatsanleihen, Kreditverbriefungen und Pfandbriefe sowie seit Juni zusätzlich Firmenanleihen. Zweck dieser Übungen ist, Unternehmen Anreize für mehr Investitionen zu geben, die letztlich die gesamtwirtschaftlichen Auftriebskräfte stützen und Deflationsgefahren abwenden sollen.

Kaufen Draghi und Co. bald auch Aktien?

Auch wenn Draghi das vermutlich anders sieht, sind die Erfolge dieser unkonventionellen EZB-Politik bislang bestenfalls bescheiden. Deshalb setzen die Euro-Notenbanker das Anleihen-Kaufprogramm unbeirrt fort. Allmählich wird allerdings das Angebot an Anleihen, die die Ankaufbedingungen erfüllen, immer kleiner. So dürfte beispielsweise der Markt für Bundesanleihen spätestens im Frühjahr 2017 ausverkauft sein. Eine Möglichkeit wäre, das Angebot durch die Lockerung der Ankauf-Bedingungen zu vergrößern. Dieser Schritt würde allerdings die Angebotsverknappung zeitlich nur hinausschieben. Zudem nimmt die EZB ohnehin bereits in nennenswertem Ausmaß bonitätsschwache Anleihen mit Ausfallpotenzial in ihr Portfolio auf.

Daher überrascht es nicht, dass Forderungen lauter werden, die EZB solle ihr Kaufprogramm auf Aktien ausdehnen – ganz nach dem Vorbild der japanischen Notenbank, die bereits zahlreiche Aktien des japanischen Leitindex Nikkei 225 erworben hat. Mittlerweile gehört die Bank of Japan bei rund 80 Indexunternehmen zu den fünf größten Investoren. Gemäß Finanznachrichtendienst Bloomberg wird die Notenbank bis Ende 2017 voraussichtlich bei 55 Firmen größter Anleger sein.

Noch ist ungewiss, ob die EZB der Bank of Japan folgen wird. Befürworter argumentieren, dass Kursgewinne, die der Erwerb von Aktien durch die Zentralbank nach sich zieht, die Unternehmen veranlassen würden, Kapitalerhöhungen vorzunehmen und mehr zu investieren. Außerdem würden sich höhere Aktienkurse in positiven Vermögenseffekten niederschlagen, welche die Stimmung der Verbraucher anheizen und somit den privaten Konsum fördernt. Skeptiker hegen Zweifel, dass sich die positiven Wirkungen tatsächlich einstellen.

Fed-Zinserhöhung im US-Wahlkampf unwahrscheinlich

Während die EZB, die Bank of Japan und die Bank of England weiter auf Expansionskurs sind, denkt man innerhalb der US-Notenbank Fed intensiv über eine Erhöhung der Zinsen nach. Nichtsdestotrotz signalisiert das Protokoll der letzten Notenbank-Sitzung eine gespaltene Meinung der Fed-Mitglieder über den weiteren zinspolitischen Weg in den USA. So wird von einigen US-Währungshütern bezweifelt, dass der US-Arbeitsmarkts wirklich robust genug sei, steigende Zinsen zu verkraften.
Richtig ist, dass der Konjunkturaufschwung in den Vereinigten Staaten quantitativ, aber nicht unbedingt qualitativ am Jobmarkt ankommt. Denn dem massiven Abbau hochwertiger Arbeitsplätze in der amerikanischen Industrie um rund 1,5 Millionen seit 2007 steht bis dato lediglich ein annähernd gleich hoher Stellenzuwachs im Niedriglohnsegment gegenüber. Klar ist: Mit niedrigeren Löhnen und Gehältern fällt es schwer, die für die USA so wichtige Konsumnachfrage zu schüren. Für eine abwartende Politik der Fed spricht zudem der Präsidentschaftswahlkampf, der allmählich in seine heiße Phase eintritt. Traditionell halten sich die Währungshüter in Wahljahren mit Zinsanhebungen zurück.

Firmen-Berichtssaison läuft aus 

Die Quartals-Berichtssaison der Unternehmen neigt sich nun auch in Europa dem Ende zu; inzwischen haben über 90 Prozent der Firmen ihre Zahlen vorgelegt. Die veröffentlichten Ergebnisse waren weiter rückläufig, wobei sich die Umsätze im Vergleich zum Vorjahresquartal im Durchschnitt um knapp fünf Prozent verringerten, die Gewinne sogar um annähernd 14 Prozent. Die schwächste Entwicklung zeigte im Zuge des Ölpreiseinbruchs mit einem Gewinnrückgang um rund 50 Prozent erwartungsgemäß der Energiesektor. Doch auch die Finanz- und Telekomkonzerne verbuchten deutliche Gewinnrückgänge. Stärkere Gewinnsteigerungen waren lediglich in den Sektoren Zyklische Konsumgüter und Gesundheit zu verzeichnen.

Zu berücksichtigen ist jedoch, dass die Firmenberichte insgesamt besser als die bereits im Vorfeld nach unten genommene Markterwartung ausgefallen sind. Trotzdem wurden die Konsensschätzungen auf Indexebene für die Jahre 2016 und 2017 nochmals leicht reduziert. In Verbindung mit steigenden Kursen ist dadurch das Bewertungsniveau weiter gestiegen und jetzt auch in Europa als erhöht anzusehen. Auch die KGV-Bewertung des DAX liegt nun wieder fast zehn Prozent über dem Mittelwert der vergangenen zehn Jahre. Dies sind Hinweise auf eine gewisse Sorglosigkeit der Investoren, die sicherlich nicht zuletzt fehlenden Anlagealternativen geschuldet ist. Die relative Attraktivität von Aktien im aktuellen Niedrigzinsumfeld stellt zweifellos ein positives Argument für die Aktienmärkte dar. Es könnte aber angesichts anhaltender politischer Unsicherheiten und weiter fallender Konsensschätzungen für die Unternehmensgewinne an Gewicht verlieren. Berücksichtigt man zusätzlich, dass der September mit einem durchschnittlichen DAX-Kursverlust von 1,5 Prozent seit 1960 der schlechteste DAX-Börsenmonat im Jahresverlauf war, fällt es auf kurze Sicht schwer, weitere Kursgewinne zu prognostizieren.

Was die neue Woche bringt

In der neuen Woche richtet sich der Blick der Börsianer in den USA hauptsächlich auf das Sommerquartal 2016. Der Markit PMI für das Verarbeitende Gewerbe dürfte im August zwar leicht zurückgegangen sein (Di.). Das Minus ist jedoch als Korrekturbewegung zu dem starken Anstieg im Juli zu sehen. Insgesamt würde die Unternehmensstimmung damit nach wie vor für eine moderate Ausweitung der Aktivitäten in der US-Industrie sprechen (Di.). Entsprechend der Vorgaben der Stimmungsindikatoren im Juli sollten sich auch die Auftragseingänge im Juli spürbar verbessert haben (Do.). Der Gesamtindex wird wohl primär von deutlich höheren Bestellungen in der Luftfahrtbranche getrieben worden sein und damit einen positiven Rückprall anzeigen. Aber auch ohne diese volatile Komponente dürfte wieder ein Plus zu Buche gestanden haben. Die zweite Veröffentlichung des Bruttoinlandproduktes (BIP) für das zweite Quartal wird dagegen voraussichtlich nur wenige Neuigkeiten beinhalten (Fr.).

Im Euro-Raum dürfte sich die jährliche Wachstumsrate der Geldmenge M3 im Juli abge-schwächt haben (Fr.), hauptsächlich wegen eines Basiseffekts (starke Entwicklung im Juli 2015). Für die Kreditvergabe sollte erneut eine moderate Ausweitung gegenüber dem Vormonat gemeldet werden. Die Eintrübung der Frühindikatoren war im Juli nach dem überraschenden Brexit-Votum insgesamt noch begrenzt ausgefallen. Dennoch dürfte im August eine leichte Erholungsbewegung für den PMI-Indikator für die gesamte Eurozone folgen, nachdem sich die Brexit-Panik nicht an den Märkten manifestiert hat (Di.).

In Deutschland hatte der PMI für das Verarbeitende Gewerbe im Juli nur wenig nachgegeben. Eine deutliche Aufwärtsbewegung ist daher hier kaum zu erwarten. Die Stimmungseintrübung in den Euro-Peripherieländern hatte jedoch im Juli den Euro-Raum PMI deutlich belastet. Hier ist eine ausgeprägtere Erholungsbewegung zu erwarten, nachdem die Finanzmärkte diese Länder auch nach dem Brexit-Votum kaum unter Beschuss genommen hatten.

Entgegen dem PMI hatte das ifo Geschäftsklima für Deutschland im Juli etwas deutlicher nachgegeben. Bei diesem wichtigen Konjunkturbarometer ist für den August, getrieben von Anstiegen in den Lage- und Erwartungskomponenten, ein Rückprall auf den Juni-Stand (Do.) zu erwarten. Das GfK Konsumklima dürfte leicht gesunken sein (Fr.). Die Verbraucher hatten sich vom Brexit-Fieber bisher kaum anstecken lassen und so lag das Konsumklima für Juli und August das erste Mal im laufenden Jahr oberhalb der Zehn-Punkte-Marke. Ein Rückgang sollte daher nicht überinterpretiert werden und stellt eher eine etwas verzögerte Reaktion der Konsumenten auf die gesunkene Stimmung im Unternehmensbereich dar. Zur Stimmungseintrübung beigetragen haben könnten zudem auch Meldungen über Negativzinsen auf Sparguthaben einer einzelnen Genossenschaftsbank in Deutschland, die die Sorge der Verbraucher um künftige Kapitaleinkommen vergrößert haben könnte.

 

Die wichtigsten Konjunkturdaten der neuen Woche:

 MonatPrognoseLetzter
Montag, 22.8.2016
keine wichtigen Daten
Dienstag, 23.8.2016
PMI Verarb. Gewerbe Deutschland (Punkte)August53.753.8
PMI Dienstleistungen Deutschland (Punkte)August54.354.4
PMI Verarb. Gewerbe Euroland (Punkte)August5252
PMI Dienstleistungen Euroland (Punkte)August5352.9
Verbrauchervertrauen Euroland (Punkte)August-7.7-7.9
Neue Häuserverkäufe USA (Tsd.)Juli575592
Mittwoch, 24.8.2016
BIP Deutschland (% zum Vorquartal)Q20.40.4
Donnerstag, 25.8.2016
Ifo-Geschäftsklima Deutschland (Punkte)August108.5108.3
Auftragseing. langlebige Güter USA (% zum Vorm.)Juli3.5-3.9
Freitag, 26.8.2016
GfK-Konsumklima Deutschland (Punkte)September1010
Geldmenge M3 Euroland (% zum Vorjahr)Juli55
BIP USA (% zum Vorquartal)Q21.11.2
Uni Michigan Konsumklima USA (Punkte)August90.690.4